2020–

Zur Modalstruktur des „Möglichkeitssinns" in Robert Musils Roman „Der Mann ohne Eigenschaften".
Den Ausgangspunkt bildet die These, daß die einschlägige Passage des vierten Kapitels im ersten Buch des Romans nicht nur inhaltlich, sondern auch formal den Schlüssel zu Musils Romankonzeption bildet, weil das „Prinzip des Conjunctivus potentialis" – wie Albrecht Schöne erklärt hat – die Sprachform, die Komposition und den modaltheoretischen Sachverhalt des gesamten Textes durchzieht. Der Text erschließt den „Möglichkeitssinn" als spezifisch moderne Disposition, deren Modernität nicht nur historischer, sondern systematischer Natur ist: Sie basiert auf einer Differenzierung zwischen Realität und Fiktion, die erst in der Neuzeit jene gegenwirkliche Autonomie des Fiktiven konstituiert, die – mit Dieter Henrich – eine Reflexion höherer Stufe voraussetzt, welche das Fiktive nicht nur intern zur Deutlichkeit bringt, sondern auch über den Zusammenhang aufklärt, in dem es als Fiktives fungiert. Aus dieser Metareflexivität ergibt sich eine Binnendifferenz im Fiktiven selbst: zwischen gebundener Fiktivität, die a priori in einen kosmologischen oder eschatologischen Rahmen eingebettet ist, und freier, intransitiver Fiktivität, die keine externe und keine intern verbindliche Finalität kennt. Die Hauptthese lautet, daß der „Möglichkeitssinn" in Musils Roman durch diese intransitive Fiktivität bestimmt wird: im Anschluß an Hans Blumenbergs Begriff der „Selbsterhaltung" als neuzeitliche Rationalitätsform wird gezeigt, daß die „Erhaltungsaussagen", die die neuzeitliche Handlungsrationalität grundieren, wesentlich intransitiv sind – weder auf bestimmte Objekte noch auf bestimmte Ziele gerichtet –, und daß daraus eine Finalisierungsoffenheit resultiert, die jede denkbare Finalisierung zuläßt und zugleich als kontingente relativiert. Der „Möglichkeitssinn" ist damit keine utopische, sondern eine optimierungslogische Disposition: Sein ontologischer Ort ist die intransitive Modalstruktur, die sich in der Moderne als Dispositiv permanenter Überbietung etabliert hat und die – jenseits jeder utopischen Schließung – die Gleichwertigkeit von Realität und Fiktion zur objektiven und die Indifferenz gegen beide zur subjektiven Voraussetzung hat. Der Text schließt mit der Feststellung, daß die scheinbar fragmentarische Gestalt des Romans dieser Modalstruktur adäquat ist: Die Unabschließbarkeit seiner Handlung ist kein Defizit, sondern die logische Konsequenz eines Leitmotivs, das jeden über-zeugenden Abschluß strukturell ausschließt.

Die Romantisierung der Welt vor dem Gesetz der Avantgarde.
Der Text entwickelt eine systematische Unterscheidung zwischen dem ästhetischen Konstruktivismus der Romantik und demjenigen der Avantgarde und bestreitet dabei die These einer substanziellen funktionellen Kontinuität zwischen beiden. Den Ausgangspunkt bildet die unter Berufung auf Peter Bürger und Winfried Eckel verbreitete These, die Avantgarde sei eine Radikalisierung des romantischen Projekts der „Poetisierung der Welt". Der Text räumt ein, daß es auf der Ebene des programmatischen Anspruchs – Aufhebung der Differenz von Kunst und Leben, Konstitution einer neuen Totalität der Erfahrung – einen scheinbaren Konnex gibt, zeigt jedoch, daß die Differenz beider Projekte tiefer reicht als ihre rhetorische Konfrontation und eine modalontologische Qualität hat. Die romantische Unendlichkeit, wie sie namentlich Schlegel und Novalis konzipiert haben, ist eine konnexionistische Unendlichkeit des Zusammenhangs und der Intensität, keine Unendlichkeit des Fortgangs oder der optimierenden Überbietung; ihr entspricht, mit Walter Benjamin, eine „Unendlichkeit der Reflexion", die das Endliche nicht auflöst, sondern durch reflexive Verdichtung intensiviert. Demgegenüber ist das avantgardistische Projekt durch die Dialektik von Destruktion und Konstruktion bestimmt – durch das, was Plessner als „Gesetz der Avantgarde" bezeichnet hat –, die auf die definitive Konstruktion einer neuen Totalität der Erfahrung zielt und die Möglichkeitsoffenheit der romantischen Ironie ebenso ausschließt wie die konnexionistische Offenheit des romantischen Fragments. Die zentrale Argumentationslinie unterscheidet die romantische Poetik des Werdens von der avantgardistischen Praxis des Machens: Wo die Romantik das ästhetische Objekt als ontologisch zweideutiges – als Valérys „objet ambigu" und Blumenbergs „essentiell vieldeutigen ästhetischen Gegenstand" – offen hält, duldet die instrumentelle Logik der Avantgarde keine strukturelle Zweideutigkeit, weil diese das Definitive jeder Utopie unterminiert. Die Hauptthese lautet, daß das genuim gegenromantische Moment der Avantgarde nicht historisch-akzidenzielle, sondern substanzielle Qualität hat: Es liegt in der Rückhaltlosigkeit, mit der das „Gesetz der Avantgarde" unter dem Zwang des totalen Bruchs mit der Vergangenheit eine geschlossene, auf diskontinuierliche Zukunft ausgerichtete Modalstruktur erzwingt – eine Modalstruktur, der die offene, irreduzibel unabschließbare Reflexionsunendlichkeit der Romantik schlechterdings inkommensurabel ist.

Kontingenz des Lebens.
Den Ausgangspunkt bildet die systematische Frage, was die Formel „Kontingenz des Lebens" über die bloße Unbestimmtheit oder Unbestimmbarkeit des Lebens hinaus bedeuten kann, die zur aktiven Lebensführung nötigt. Der Text erschließt diese Frage aus zwei theoretischen Perspektiven, die zeitlich verschoben und unabhängig voneinander die philosophische und die politische Zentralität des Lebens in der Moderne konstatieren und problematisieren. Die erste Perspektive ist Helmuth Plessners Historisierung des Lebens als Epochenbegriff: Plessners Analyse der „erlösenden Worte", in denen eine Zeit ihre Rechtfertigung und ihr Gericht spricht – Vernunft, Entwicklung, Leben –, erweist das Leben als Signum einer spezifischen kulturellen Formation, nicht als anthropologisches Apriori. Die lebensphilosophische Ontologisierung der Unbestimmbarkeit, die das Leben zum Inbegriff des Unverfügbaren macht, wird dabei als immanente Abschlußmetaphysik kritisiert, die heilsgeschichtliche Restbestände in säkularer Gestalt perpetuiert. Gegen sie setzt Plessner die Unendlichkeit möglicher Bestimmungen des Lebens, die in der Konstruiertheit jeder Lebensführung zum Ausdruck kommt. Die zweite Perspektive ist Foucaults Konzept der „Bio-Macht": Mit dem Eintritt des Lebens in die Geschichte wird das Leben zum Objekt politischer Technologien, die es nicht repressiv beschränken, sondern produktiv steigern, normalisieren und regulieren. Der entscheidende Befund ist dabei, daß auch der Widerstand gegen diese Macht sich auf dasselbe Objekt bezieht – auf das Leben als Inbegriff von Bedürfnissen, Anlagen und Möglichkeiten. In der Synopse beider Perspektiven arbeitet der Text die gemeinsame modalontologische Basis heraus: die Ambivalenz des Kontingenzbegriffs zwischen Verfügbarkeit und Unverfügbarkeit. Kontingent ist weder notwendig noch unmöglich – das heißt: sowohl das Unverfügbare als auch das Gestaltbare. Die „Kontingenz des Lebens" bezeichnet damit nicht die Möglichkeit, das Leben schlechthin zur Disposition zu stellen, sondern den Verlust seiner präreflexiven Evidenz und die Eröffnung seiner doppelten Bearbeitbarkeit: als Objekt der Verfügung oder als Residuum der Unverfügbarkeit. Die Hauptthese lautet, daß der „Absolutismus des Lebens" zwei Pole hat – den lebensphilosophischen der Unbestimmbarkeit und den lebenstechnologischen der Bestimmbarkeit —, die im Horizont der modernen „Bio-Macht" nicht als Gegensätze, sondern als komplementäre Erscheinungsformen derselben Konstellation fungieren. Der Text schließt mit dem Hinweis, daß der Begriff der „Identität" gegenwärtig die Funktion jenes „erlösenden Worts" übernimmt, das Plessner für das frühe 20. Jahrhundert dem Leben zugeschrieben hatte – ein Widerstandsbegriff gegen die hegemoniale Abstraktion der Optimierungsgesellschaft, dessen zentrale Frage mit Foucault und Bloch lautet: „Wer sind wir?"

Moderne Hoffnungen. Individuelle Erwartungen im Zeitalter der entgrenzten Möglichkeiten.
Den Ausgangspunkt bildet Kants dritte Vernunftfrage – „Was darf ich hoffen?" – und ihre systematische Verortung zwischen dem theoretischen Können und dem praktischen Sollen. Kant hat die Hoffnung als anthropologische Grundkategorie bestimmt, zugleich aber durch ihre Orientierung an „Glückseligkeit" und „Sittlichkeit" in den moralischen Horizont einer bestimmten Gesellschaft eingebettet und damit historisch und sozial konditioniert. Dieser doppelte Charakter – prinzipielle Offenheit und gesellschaftliche Einbettung – bildet den Ausgangspunkt für eine historisch-systematische Analyse der modernen Hoffnungsstruktur. Der Text verfolgt zunächst den Prozeß, den Reinhart Koselleck als „Auseinandertreten von Erfahrungsraum und Erwartungshorizont" beschrieben hat: die Lösung des Denkens vom Vergangenheitsbezug und die Orientierung des Handelns an fiktional erschlossenen, prinzipiell unabgeleiteten Möglichkeiten einer offenen Zukunft. Die Französische Revolution erschließt in diesem Zusammenhang eine neue Zeitstruktur, in der die Diskontinuität von Herkunft und Zukunft zur gesellschaftlichen Selbstverständlichkeit wird und die Hoffnung, „sich selbst zu leben", zur normativ aufgeladenen Formel moderner Selbstentfaltungserwartungen. Die Normalisierung dieser Hoffnung in der massendemokratischen Mittelschichtgesellschaft des späten 20. Jahrhunderts wird sodann mit dem soziologischen Konzept der „antizipatorischen Sozialisation" (Riesman/Roseborough) analysiert: die Einübung in eine zieloffene Lebensführung, in der die grundsätzliche Offenheit des Möglichkeitshori-zonts zur Selbstverständlichkeit wird und soziale Mobilität zur strukturellen Bedingung der Vergesellschaftung avanciert. In diesem Kontext wandelt sich die moderne Hoffnung: Der Zwang zur „investiven Statusarbeit" (Groh-Samberg/Mau/Schimank) und die Dominanz einer abstrakten Optimierungsrationalität überführen die Hoffnung auf Selbstentfaltung in den permanenten Wettbewerb des Wirklichen mit dem Möglichen. Die Hauptthese lautet, daß die moderne Hoffnung, „sich selbst zu leben", unter den Bedingungen der Kontingenzkultur in zwei gegensätzliche Ausfaltungen zerfällt: in die intransitive Selbstentfaltung im Horizont eines offenen Möglichkeitshorizonts einerseits und in den Widerstand gegen diese Abstraktion im Medium konkreter „Identität" andererseits. Foucaults Begriff des Widerstands gegen die „Normalisierungsgesellschaft" und die um ihn gruppierten Identitätspolitiken erweisen sich in dieser Perspektive als transitive Gegenform zu jener abstrakten Möglichkeitsoffenheit, die das Selbstverhältnis der modernen Mittelschichtgesellschaft bestimmt. Der Text schließt mit dem Hinweis, daß Blochs „Prinzip Hoffnung" mit derselben Frage beginnt, die Foucault als die zentrale Frage des Widerstands gegen die Optimierungsgesellschaft identifiziert hat: „Wer sind wir?"

Die Legitimität der Kontingenzkultur.
Der Text ist die Replik auf Axel T. Pauls Kritik der Theorie der Moderne von Michael Makropoulos. Paul nimmt eine universalgeschichtliche Perspektive ein und unterscheidet vier „bereichsspezifische" Formen der Kontingenz zwischen dem Spätpaläolithikum und der Gegenwart: Kontingenz des sozialen Handelns, der politischen Ordnung, der äußeren Natur und schließlich der „menschlichen Natur". Der Text antwortet auf diesen Einwand, indem er zunächst zeigt, daß Pauls Typologie auf einer systematischen Reduktion des Kontingenzbegriffs beruht: Sie blendet die reflexive Tiefenstruktur des neuzeitlichen Kontingenzbewußtseins aus und ersetzt sie durch eine Taxonomie operativer „Kontingentsetzungen". Dabei verliert der Begriff seine analytische Schärfe, denn Kontingenz ist zuallererst ein Reflexionsprodukt und kein bloß empirisch identifizierbares Handlungsmerkmal einzelner Bereiche. Im Anschluß an Hans Blumenbergs Konzept der „Kontingenzkultur" hält der Text daran fest, daß die Neuzeit gerade nicht eine bereichsspezifische, sondern eine umfassende, modalontologisch fundierte Einstellung zur Wirklichkeit konstituiert: die Überzeugung, daß nicht sein muß, was ist, und daß die Wirklichkeit vom Standpunkt des Möglichen her beurteilt und gestaltet werden kann. Diese Einstellung ist nicht auf einzelne Sachbereiche beschränkt, sondern durchdringt das Weltverhältnis der Moderne als ganzes. Der Text verfolgt sodann die Legitimationsproblematik, die mit der Paulschen Formulierung der „Landnahmen der Kontingenzkultur" aufgeworfen wird. Der Begriff der „Landnahme" ist nicht neutral: Er impliziert die widerrechtliche Aneignung und verleiht der gesamten „Kontingenzkultur" retroaktiv etwas Illegitimes. Hinter dieser Semantik steht das Mißtrauen gegenüber einer historisch-systematischen Disposition, in der Kontingenz zur realitätsgenerierenden Modalstruktur geworden ist – einer Struktur, die keine interne oder externe Begrenzung kennt, weil sie nicht auf bestimmte Zwecke ausgerichtet ist. Im Rückgriff auf Helmuth Plessners Analyse der intransitiven Überbietungslogik der Technik und auf Blumenbergs Begriff der „Selbsterhaltung" wird der Kern dieser Problematik präzisiert: Die neuzeitliche Rationalität beruht auf zieloffenen Prozessen und abstrakten Handlungsdispositionen, die prinzipiell keine abschließende Finalisierung kennen. Das Legitimitätsproblem stellt sich also nicht in bezug auf einzelne Konstruktionen, sondern in bezug auf konstruktive Dispositionen, die auf permanente Überbietung angelegt sind. Die Hauptthese lautet entsprechend: Die Kontingenzkultur der Neuzeit ist kein additives Ensemble bereichsspezifischer Kontingenzsetzungen, sondern ein eigenqualitatives Weltverhältnis, dessen Prinzip die Entfesselung realitätsgenerierender Möglichkeiten ist. Die Frage nach ihrer Legitimität ist deshalb nicht partiell zu beantworten, sondern führt unmittelbar in die Debatte über die „Legitimität der Neuzeit". Abschließend werden die zwei Grundoptionen skizziert, auf welche die modernen Antworten auf das Legitimitätsproblem funktionell hinauslaufen: Kontingenzbegrenzung durch Utopie einerseits, Normalisierung der Kontingenz durch Optimierung andererseits – wobei beide Optionen die Fiktionalisierung des gesellschaftlichen Möglichkeitshorizonts zur gemeinsamen Voraussetzung haben.

2010–2019

„Lebensführung", „steuerloses Treiben" und „außengeleitete Lebensweise".
Den Ausgangspunkt bildet die Frage, was das Konzept der „Lebensführung" bei Max Weber über seine analytisch-deskriptive Dimension hinaus als normativen und aktivistischen Begriff auszeichnet. Im Anschluß an Hans-Peter Müllers theorievergleichende Rekonstruktion wird „Lebensführung" als irreduzibel ambivalentes Konzept erschlossen, das sowohl als abhängige Variable gesellschaftlicher Konditionierung als auch als unabhängige Variable kultureller Selbstkonstitution fungiert und dabei auch in seinen heteronomen Aspekten ein schwaches, aber unaufhebbares Moment der Kontingenz enthält – einen potentiellen Freiheitsgenerator gerade angesichts fortschreitender Rationalisierung. Der Text verfolgt diese Ambivalenz durch drei Theoriekonfigurationen. Bei Helmuth Plessner findet die aktivistische Dimension der „Lebensführung" ihre anthropologische Begründung: Der naturgegebene Zwang zur Lebensführung ergibt sich aus der exzentrischen Positionalität des Menschen, seiner konstitutiven Heimatlosigkeit und dem Stehen im „Nirgendwo", das ihn zur permanenten Selbstkonstitution in der Unbestimmtheitsrelation zu sich nötigt – weder im Indikativ bindender Wirklichkeit noch im Konjunktiv uferlosen Möglichkeitsdenkens. Bei Robert Musil erfährt dieselbe Situation ihre fiktionale Ausgestaltung im „Möglichkeitssinn" des „Mannes ohne Eigenschaften", dessen Lebensführung im Potentialis zwischen aktivistischer Zieloffenheit und „steuerlosem Treiben" oszilliert und damit die konstitutive Spannung von Verfügbarkeit und Unverfügbarkeit des eigenen Lebens exemplarisch realisiert. Bei David Riesman schließlich wird die sozialstrukturelle Seite dieser Problematik als „außengeleitete Lebensweise" erschlossen: Die „antizipatorische Sozialisation" der Mittelschichtgesellschaft konditioniert Individuen auf eine zieloffene Lebensführung im offenen Erwartungshorizont sozialer Mobilität, deren Integrationsprinzip nicht Zugehörigkeit oder Funktionalität, sondern generalisierte Konkurrenz ist. Die Hauptthese lautet, daß das Konzept der „Lebensführung" – gegen seine Reduktion auf Lebensstilforschung oder Alltagsorganisationsmanagement – ein zutiefst aufklärerischer Begriff ist, der gegen den Absolutismus des Sozialen in der Moderne gerichtet ist und in dem sich Schicksal, Entscheidung, Freiheit, Wahl und Persönlichkeit zu einem unauflöslichen Komplex simultaner Verfügbarkeit und Unverfügbarkeit verdichten. Der Text schließt mit der Frage, worauf die Aufforderung, sein eigenes Leben zu führen, unter Bedingungen einer sozialen Welt zielen kann, die ihr Monopol auf die Erteilung von „Lebensberechtigungen" im Sinne von Pierre Bourdieu ontologisiert — und antwortet mit Bezug auf die „relative Positivität der Kontingenz".

Grenze, Horizont und moderne Gesellschaft.
Der Aufsatz entwickelt eine systematische und historische Analyse zweier grundlegender Modalitäten, in denen Gesellschaften ihre Reichweite entwerfen und ihre Kontur festlegen: Grenze und Horizont als komplementäre, aber ontologisch entgegengesetzte Abschlußparadigmen. Die systematische Leitdifferenz lautet: Grenzen schließen Wirklichkeitsbereiche ab und verweisen dabei auf ein reales Außen, das Überschreitung ermöglicht; Horizonte schließen Möglichkeitsbereiche auf und konstituieren ein imaginäres Innen, das unendlich ausgedehnt, aber nicht verlassen, sondern nur verschoben werden kann. Diese ontologische Differenz, die im antiken und mittelalterlichen Verständnis noch weitgehend verdeckt war – Grenze und Horizont fielen dort als Trennlinien zwischen bestimmter Wirklichkeit und unbestimmtem Apeiron zur Deckung –, tritt in der Neuzeit mit dem grundlegenden Strukturwandel des Raumes auseinander: Die Territorialisierung der Grenze als politisch-juridischer Trennlinie und die gleichzeitige Deterritorialisierung des Horizonts als immanent generierter, prinzipiell veränderbarer Orientierungsmarke eröffnen jenen potentiell unendlichen Möglichkeitsbereich, aus dem das konstruktivistische Weltverhältnis der europäischen Moderne hervorgeht – im Technischen als Naturbeherrschung, im Ästhetischen als Autonomisierung der Kunst, im Sozialen als Gestaltbarkeit der Gesellschaft. Im Zentrum steht die Unterscheidung zweier Fiktionalisierungsmodi des Möglichkeitshorizonts, die zwei verschiedenen und am Ende gegensätzlichen modalontologischen Paradigmen entsprechen: Utopie und Optimierung. Utopie bezeichnet die finale Schließung des Möglichkeitshorizonts in einem idealen und unüberbietbaren Zustand – Kontingenzaufhebung durch definitive Totalkonstruktion; Optimierung bezeichnet die situativ extrapolierte, prinzipiell unaufhörliche und zieloffene Überbietung jedes erreichten Zustandes – Kontingenzerhaltung und -kultivierung als strukturelles Dauerprinzip. Der Aufsatz zeigt, daß die bürgerliche Gesellschaft des 19. Jahrhunderts die Horizontverschiebung zur Chiffre einer gesellschaftlichen Dynamik gemacht hat, die Überbietung an die Stelle der Überschreitung setzt und als Fortschritt geschichtsphilosophisch finalisiert; daß die Optimierungsgesellschaft des späten 20. Jahrhunderts diese Dynamik in konsumistischen Infrastrukturen individueller Selbstentfaltung und einer „antizipatorischen Sozialisation" habitualisiert hat, die die Individuen auf eine zieloffene Lebensführung konditioniert und soziale Mobilität zur strukturellen Norm macht; und daß die aktuellen kulturellen und identitätspolitischen Grenzziehungen als Widerstandslinien gegen den Absolutismus der Möglichkeit und den strukturellen Zwang zur Optimierung zu lesen sind – nicht als Rückkehr zu äußeren Grenzen, sondern als Versuche der Re-Differenzierung und Re-Spezifizierung gegen eine gesellschaftliche Norm, die die Normalisierung der Kontingenz zum Integrationsprinzip gemacht hat. Eine Welt ohne offenen Horizont und mit klaren Grenzen, so der Schlußgedanke, wäre aber auch eine Welt ohne Kontingenz, also eine Welt, in der das, was ist, nicht anders sein könnte.

Vergesellschaftung im Unendlichen. Simmels Modernität.
Der Beitrag analysiert Simmels Konzept der Moderne als Kultur der Kontingenz und entwickelt dabei eine gesellschaftstheoretische These, die über die übliche Rezeption von Simmels Geldtheorie und Großstadtdiagnose hinausgeht: Die Konkurrenz ist bei Simmel keine primär ökonomische, sondern eine genuin soziologische Kategorie – die gesellschaftliche Form der Kontingenz schlechthin und damit das eigentliche, bislang unterschätzte Integrationsmedium moderner Gesellschaften. Den Ausgangspunkt bildet die Kontrastierung mit Durkheims Konzept der „Anomie": Während Durkheim die durch Monetarisierung und industrielle Deregulierung entfesselte Möglichkeitsoffenheit der Moderne moraltheoretisch als pathologischen Zustand begreift, der eine restriktive regulative Moralordnung erfordert, hat Simmel dieselbe Möglichkeitsoffenheit analytisch akzeptiert und das Unendliche entschieden als Transitorisches begriffen – als jene Auflösung aller Bestimmtheiten, die das „Wesen der Moderne" als Psychologismus, als „Erleben und Deuten der Welt gemäß den Reaktionen unsres Inneren" konstituiert. Im Zentrum steht Simmels These, daß die geldvermittelte Versachlichung aller Sozial- und Objektverhältnisse die Möglichkeitsoffenheit strukturell institutionalisiert, indem sie einerseits die Verfügbarkeit der Objekte und die Unabhängigkeit von anderen Menschen steigert, andererseits aber „definitive Befriedigungen immer seltener werden" läßt und dadurch das „ungeheure Glücksverlangen des modernen Menschen" provoziert – jene abstrakte, auf kein konkretes Ziel gerichtete Intensitätserwartung, in der sich die Persistenz religiöser Totalitätserwartungen unter den Bedingungen ihrer säkularen Enttäuschung manifestiert. Die eigentliche Pointe des Aufsatzes liegt in der Bestimmung der Konkurrenz als gesellschaftlichem Strukturprinzip jenseits ihrer ökonomischen Erscheinungsform. Im Anschluß an Simmels Begriff des indirekten „Kampfes ohne Gegner" – eines Kampfes, der nicht gegen den Gegner, sondern auf ein gemeinsames, situationstranszendentes Ziel gerichtet ist – wird die Konkurrenz als dasjenige Vergesellschaftungsprinzip identifiziert, das der Ontologie des Kontingenten eingeschrieben ist: Weil jede Konstruktion auch anders möglich ist, steht sie im Wettbewerb mit anderen Konstruktionen, den aktuell-konkreten wie den potentiell-abstrakten. Konkurrenz ist damit nicht Effekt einer Ökonomisierung des Sozialen, sondern deren Voraussetzung – die spezifisch gesellschaftliche Form einer Kultur der Verfügbarkeit, die durch ihre Objektivität, Anonymität und Abstraktheit eine „ungeheure synthetische Kraft" und „ungeheure vergesellschaftende Wirkung" entfaltet, weil sie die intersubjektiven Dimensionen der Vergesellschaftung übersteigt und die Integration einer Vielfältigkeit ermöglicht, die irreduzibel bleibt und bleiben soll. Den Abschluß bildet eine Auseinandersetzung mit den gesellschaftstheoretischen Konsequenzen: Simmels Analysen legen nahe, daß es keine Individualisierung ohne Konkurrenz gibt – jedenfalls nicht, wenn Individualität im emphatischen Sinne mit prinzipieller Möglichkeitsoffenheit korrespondieren und dennoch sozial integrierbar sein soll. Eine soziale Welt ohne Konkurrenz wäre auch eine soziale Welt ohne Kontingenz. Es wäre eine Welt, in der das, was ist, nicht anders sein könnte. Das aber war nicht Simmels Option.

Zum Begriff der Möglichkeit bei Helmuth Plessner.
Der Aufsatz entfaltet den Möglichkeitsbegriff in Plessners philosophischer Anthropologie als strukturell zweideutig und liest diese Zweideutigkeit als theoriestrategisch produktive Unschärfe, die Plessners Entwurf für zwei prinzipiell verschiedene Lektüren offenhält. Ausgangspunkt ist die Zurückweisung von Horkheimers Kritik der philosophischen Anthropologie als Suche nach absoluten Prinzipien und absolutem Sinn: Plessner, so die Gegenthese, war gerade derjenige, der jeden anthropologischen Absolutismus entschieden abgelehnt hat. Das Basistheorem der „exzentrischen Positionalität" – das gleichzeitige Bei-Sich- und Über-Sich-Hinaus-Sein des Menschen, sein unaufhebbares Stehen im „Nirgendwo" – begründet eine konstitutive Möglichkeitsoffenheit, die Plessner mit der Heisenbergschen Unbestimmtheitsrelation als anthropologischem Modell präzisiert: Der Mensch steht in einer „Unbestimmtheitsrelation zu sich", die weder Festlegung auf eine bindende Wirklichkeit noch Auflösung in uferlose Beliebigkeit bedeutet, sondern die spezifische Modalstruktur der Kontingenz realisiert – jenes Weltverhältnis, in dem das, was ist, auch anders sein kann, weil es weder notwendig noch unmöglich ist. Der Aufsatz zeigt, daß Plessners Möglichkeitsbegriff dabei eine irreduzible Doppelstruktur aufweist: Einerseits erschließt die exzentrische Positionalität eine abstrakte, fortschrittslogisch entgrenzte Möglichkeitsoffenheit, in der jede Konstruktion durch eine andere überbietbar bleibt und die Technisierung als Institutionalisierung einer prinzipiell schrankenlos überbietbaren Modalstruktur verstanden wird – was Plessner in seiner Bestimmung der „offenen Form" und der „Anarchie des endlosen Fortschreitens" konzeptuell gefaßt hat. Andererseits impliziert die Situativität des menschlichen Standorts eine konkrete, pluralitätslogisch begrenzte Möglichkeit des Situativ-Möglichen: die „Schranken und Grenzen dessen, was hier und jetzt möglich ist", die den abstrakten Möglichkeitshorizont durch den konkreten Kontext koexistierender, konfligierender und konkurrierender Lebensformen begrenzen. Diese Differenz – Potentialitätskontingenz versus Pluralitätskontingenz, futurisch-abstrakte versus präsentisch-konkrete Möglichkeitsoffenheit – wird als theoriestrategisch entscheidend herausgearbeitet: In der Betonung der konkreten Möglichkeitsoffenheit gegenüber der abstrakten liegt die diskurspolitische Option einer Anthropologie des Politischen, in der Betonung der abstrakten gegenüber der konkreten die Option einer Anthropologie des Technischen. Daß Plessner den Übergang zwischen beiden Lesarten offen hält, erweist sich als intentionale theoriestrategische Entscheidung, die die konstitutive Möglichkeitsoffenheit des Menschen gegen alle definitiven Verortungen – utopische wie dezisionistische – offenhält. Diskutiert werden von hier aus Plessners systematische Beziehungen zu Blumenberg, Weber, Valéry und Simmel sowie die Bedeutung seines Entwurfs „diesseits der Utopie" für eine Konzeption des Wettbewerbs als anthropologisch fundierter, strukturell garantierter Freiheit im Sozialen.

Blumenberg und die Ontologie des ästhetischen Gegenstandes.
Der Aufsatz rekonstruiert Blumenbergs Theorie des Kunstwerks im systematischen Koordinatensystem seines Kontingenzkonzepts und entwickelt dabei eine Bestimmung des ästhetischen Gegenstandes, die über die traditionelle Alternative von Wirklichkeitsbezug und Wirklichkeitserzeugung hinausführt. Ausgangspunkt ist Blumenbergs Befund, daß die Geschichte der ästhetischen Theorie die Möglichkeit einer dritten Option – die Bestimmung des Kunstwerks als vollständig unverbindlicher, wirklichkeitsenthobener Konstruktion – systematisch ausgeblendet hat, obwohl sie logisch verfügbar gewesen wäre. Diese Ausblendung wird als Symptom des „Absolutismus der Wirklichkeit" in der Kunsttheorie gelesen, gegen den der Aufsatz Blumenbergs eigene, implizit gebliebene ästhetische Theorie profiliert. Deren Kern liegt in der Bestimmung des Kunstwerks als „materiellen Inbegriffs der Kontingenz": als Gegenstand, der weder Wirklichkeit abbildet noch eine eigene Wirklichkeit erzeugt, sondern durch seine essentielle Vieldeutigkeit und seine konstitutive Deutungsbedürftigkeit einen irreduziblen Anspruch der Möglichkeit gegen den Absolutismus der Wirklichkeit geltend macht. Diese Bestimmung wird im Koordinatensystem von Blumenbergs Genealogie des neuzeitlichen Kontingenzbewußtseins entfaltet: Die „Kontingenzkultur" der Neuzeit generiert einerseits eine technische Einstellung gegenüber dem Vorgegebenen, die auf konstruktivistische Überbietung und Optimierung zielt, andererseits eine ästhetische Einstellung, die sich von dieser gerade dadurch unterscheidet, daß sie die Unbestimmtheit des Gegenstands stehen läßt und den Potentialitätshorizont offenhält, statt ihn zu finalisieren. Die systematische Differenz zwischen technischem und ästhetischem Konstruktivismus, zwischen optimierender Kontingenznutzung und ästhetischer Kontingenzpflege, bildet dabei die zentrale Argumentationslinie. Auf diesem Hintergrund wird Blumenbergs Auseinandersetzung mit Valérys Konzept des Kunstwerks als „objet ambigu" – als Gegenstand, der sich jeder Klassifikation und Identifizierung entzieht und dadurch zum Träger eines Möglichkeitsbewußtseins sui generis wird – als Explikation der „essentiellen Vieldeutigkeit des ästhetischen Gegenstandes" entfaltet. Die ästhetische Einstellung leistet dabei, so Blumenberg, gerade dadurch mehr, daß sie weniger leistet: Sie erreicht den ihr spezifischen Genuß durch Verzicht auf theoretische Neugier und läßt den Gegenstand für sich stark sein, indem sie ihn nicht in klassifizierenden Fragen objektiviert. Abschließend wird Blumenbergs Konzept mit Adornos Begriff des „Rätselcharakters" und Benjamins Begriff der „Aura" in Beziehung gesetzt: Wo Benjamin strategisch auf die entauratisierte Ästhetik der Massenkultur setzt, bleibt für Blumenberg die „Aura" – reformuliert als rationale „Potentialität" – das entscheidende Kriterium, das Dinge von Gegenständen und Möglichkeiten von Wirklichkeiten unterscheidet.

Die Ambivalenz der Mobilität.
Der Aufsatz entwickelt eine historisch-systematische Analyse der Mobilität als spezifisch modernem Phänomen, das weder zeitlos noch universell ist, sondern im 18. Jahrhundert als eigenständige Dimension menschlicher Erfahrung entstand: mit der Neubewertung von Bewegung aus einer lästigen Notwendigkeit zur erstrebenswerten Möglichkeit, im Zuge der Fiktionalisierung des Möglichkeitsbewußtseins und der fortschreitenden Diskontinuität von Herkunft und Zukunft seit der Französischen Revolution. Die systematische Leitthese lautet, daß Mobilität als Beweglichkeit in ihrer diskursiven und reflexiven Ausfaltung stets einen impliziten Überschuß über bloße Beweglichkeit hinaus enthält: ein Moment der Entgrenzung und Überschreitung, das aus jeder Wirklichkeit den Funken einer anderen Möglichkeit schlägt und damit eine strukturell garantierte Potentialität etabliert. Diese Potentialität macht Mobilität zur irreduziblen Ambivalenz: Die bürgerliche Gesellschaft ist zugleich die Gesellschaft, die Mobilität als Freiheit verspricht, und die Gesellschaft, die die Individuen zur Mobilität zwingt – eine Dialektik, die Hegel mit Blick auf das Meer als Medium des Handels und der Selbstentfaltung und zugleich der gesellschaftlichen Bindung exponiert hat. Im Hauptteil wird die organisierte Massenmobilität des 20. Jahrhunderts als Dispositiv aus Massenmotorisierung und Massenkonsum analysiert: Beide teilen eine modalontologische Qualität, indem sie Handlungs- und Erfahrungsmöglichkeiten schaffen, die auf ihre eigene permanente Steigerbarkeit und Überbietbarkeit verweisen. Massenmotorisierung wird dabei nicht nur als Disziplinierungsprozeß im Foucaultschen Sinne rekonstruiert, sondern als gesellschaftliche Institutionalisierung einer konstruktivistischen Optimierungslogik, in der Technisierung nicht dingontologisch, sondern modalontologisch von zentraler Bedeutung ist. Den Abschluß bildet – unter Bezug auf Nietzsche – die Diagnose des eigentlich modernen Problems: daß die Offenheit des Horizonts nach der Freisetzung aus allen autoritativen Bindungen nicht mehr als Dialektik von Entgrenzung und Konditionierung zu fassen ist, sondern als das schwindelerregende Erlebnis einer Unendlichkeit, die selbst zur Bedrohung wird, hinter der es kein „Land" mehr gibt.

Über den Begriff der „Krise". Eine historisch-semantische Skizze.
Der Aufsatz entwickelt eine historisch-semantische Analyse des Krisenbegriffs, die zwischen der nüchternen Bestimmung Valérys – Krise als Übergang von einer funktionellen Ordnung zu irgendeiner anderen – und der kulturkritischen Dramatisierung als „Ordnungsschwund" und potentieller Katastrophe die strukturelle Ambivalenz des modernen Krisenbewußtseins freilegt. Ausgangspunkt ist die begriffsgeschichtliche Rekonstruktion der antiken Einheit von Kritik und Krise im griechischen „κρίσις", die sowohl den forensischen Urteilsakt als auch den medizinischen Kulminationspunkt und den militärischen Wendepunkt bezeichnete; ihre neuzeitliche Aufspaltung in eine subjektivierte Kritik und eine objektivierte Krise wird als Symptom der modernen Aufwertung souveräner Subjektivität gedeutet. Im zweiten Schritt wird die Krise als strukturelle Signatur der Neuzeit erschlossen: Mit der Fiktionalisierung des Möglichkeitsbewußtseins seit der Französischen Revolution und dem Auseinandertreten von Erfahrungsraum und Erwartungshorizont – im Anschluß an Kosellecks Begriffsgeschichte – wird der Übergangszustand zum Dauerzustand, weil die individuellen und kollektiven Erwartungen zunehmend nicht mehr nur von der Tradition, sondern von der Erfahrung überhaupt freigesetzt werden. Kontingenz erweist sich dabei als die modallogische Grundstruktur der Krise: eine irreduzibel offene Situation, die auf Entscheidung hindrängt, ohne daß das Ergebnis dieser Entscheidung aus den gegebenen Wirklichkeiten vollständig ableitbar wäre. Den theoretisch entscheidenden Schluß bildet die Wendung gegen die ontologische Vergegenständlichung des Krisenbegriffs: Krisen sind nicht gegeben, sondern werden diskursiv gemacht – durch Kritik, die in den normalen Ablauf der Ereignisse Kontingenz einführt, und durch Krisendiskurse, die Offenheiten schließen wollen. Genau das macht den Krisenbegriff zu einem eminent politischen, nicht ontologischen Begriff.

Abstrakter Expressionismus und performative Mittelschichtgesellschaft.
Ausgehend von Mark Tanseys allegorischem Gemälde „The Triumph of the New York School" (1984) entwickelt der Aufsatz eine kultursoziologische These über die tiefenstrukturellen Korrespondenzen zwischen dem Abstrakten Expressionismus als ästhetischer Strömung und der performativen Mittelschichtgesellschaft als sozialstrukturellem Dispositiv – beide als Elemente einer spezifisch liberalen, posteuropäischen Kultur der Nachkriegszeit. In einem ersten Schritt wird die radikale Abstraktion des Abstrakten Expressionismus – Unüberschaubarkeit des Bildformats, Kompositionswidrigkeit, Emanzipation der Farbe von der Repräsentation – als definitiver Bruch nicht nur mit der gegenständlichen Tradition, sondern auch mit der primären Abstraktion der europäischen Klassischen Moderne analysiert: als Abkehr von jenem melancholisch-kompensatorischen Weltverhältnis, das selbst noch in seiner selbstreferentiellen Dimension auf ein situationstranszendentes Ordnungsprinzip fixiert blieb. Der entscheidende systematische Schritt ist die Bestimmung der Performativität – wie sie Pollocks „action painting" realisiert und Rosenberg theoretisiert – als Abkehr von der ästhetischen Souveränität zugunsten eines pragmatistischen Handlungsmodells, in dem das Ziel im Handeln selbst generiert wird. Im zweiten Schritt wird die performative Mittelschichtgesellschaft – unter Bezug auf Riesman, Schelsky, Whyte und Foucaults Gouvernementalitätstheorie – als das sozialstrukturelle Analogon dieses Weltverhältnisses rekonstruiert: eine Gesellschaft, die die konstitutive Instabilität sozialer Positionen positiviert, Vergesellschaftung nicht präskriptiv, sondern performativ organisiert und Möglichkeitsoffenheit zur Tiefenstruktur des Sozialen macht. Die verbindende Grundthese lautet: Abstrakte Kunst ohne kompensatorische Totalitätsoption und Mittelschichtgesellschaft ohne fixierte Stratifikationsordnung teilen eine modalontologische Konstitution – die strukturelle Unmöglichkeit dauerhafter Fixierungen – und bilden gemeinsam die kulturelle Signatur eines avancierten modernen Weltverhältnisses.

Benjamin (Handbuch Kulturphilosophie).
Der Artikel rekonstruiert Walter Benjamins theoretisches Projekt als großangelegte, wenn auch fragmentarisch gebliebene Theorie der Moderne, deren konzeptueller Orientierungspunkt die Frage nach der ästhetischen Erfahrung unter massenkulturellen Bedingungen und deren zentrales philosophisches Problem die Genealogie eines Subjektivitätstyps ist, der dieser Kultur entspricht. Im Zentrum steht das „Passagen-Werk" als phänomenologisch gesättigte, sozialphilosophisch fundierte und geschichtsphilosophisch substantiierte Theorie der Metropolenkultur, erschlossen über seine kanonischen Paratexte: den Kunstwerk-Aufsatz, die Baudelaire-Studie und die geschichtsphilosophischen Thesen. Ausführlich rekonstruiert wird Benjamins medientheoretische These, daß der Film als nicht-‚auratisches' Kunstwerk par excellence – konstituiert durch Montagetechnik, kollektive Produktion und chockförmiges Bauprinzip – die menschliche Wahrnehmung auf die artifiziellen Wirklichkeiten der technisierten Moderne einübt und diesen dadurch den Charakter von Lebenswelt verleiht. Diese These wird vermittelt über Benjamins Erfahrungstheorie und ihre kategoriale Leitdifferenz von „Erfahrung" und „Erlebnis", die auf die historische Transformation der menschlichen Erfahrung in der Moderne zielt: die strukturell generierte Verdrängung kohärenter, narrativ kumulierter Erfahrung durch diskontinuierliche, chockförmige Erlebnisse unter großstädtischen Bedingungen. Im Lichte des von Lukács formulierten Widerspruchs zwischen Totalitätserfahrungsschwund und persistierender Totalitätserwartung erschließt der Artikel zwei einander entgegengesetzte, gleichermaßen problematische Subjektivitätsstrategien der Klassischen Moderne, nämlich konstruktivistische Souveränität und irrationale Simulation ‚auratischer' Erfahrung durch finale Überbietung des Chockerlebnisses bis zur Katastrophe und profiliert die massenkulturelle Ästhetisierung des Sozialen als Benjamins dritte Option: als Medium einer Gesamttransformation des Wahrnehmungsapparats, die souveräne Subjektivität strukturell vereitelt und die Kohärenz in die außersubjektive Wirklichkeit der artifiziellen Moderne zurückverlegt.

Historische Semantik und Positivität der Kontingenz. Modernitätstheoretische Motive bei Reinhart Koselleck.
Der Aufsatz entwickelt die These, daß die historische Semantik, wie sie im Umkreis der Forschungsgruppe „Poetik und Hermeneutik" und insbesondere von Reinhart Koselleck ausgearbeitet wurde, zumindest potentiell eine hochreflexive Theorie der Moderne bildet – als genealogische Erschließung des modernen Kontingenzbewußtseins in seiner historischen Spezifizität und seiner fiktional-konstruktiven Dimension. Ausgangspunkt ist eine kritische Konfrontation mit Luhmanns Systemtheorie, die Kontingenz ontologisiert und damit enthistorisiert. Dagegen wird Kontingenz als historisch variables Verhältnis von Wirklichkeit und Möglichkeit bestimmt, dessen logisch-ontologische Ambivalenz – zwischen dem Verfügbaren und dem Unverfügbaren, Handlungsbereich und Zufallsbereich – den analytischen Kern bildet. Die historische Rekonstruktion folgt Kosellecks zentralem Befund des Auseinandertretens von „Erfahrungsraum" und „Erwartungshorizont" seit der frühen Neuzeit: Kontingenz erfaßt jetzt nicht nur Ereignisse, sondern auch den Handlungsbereich selbst und generiert ein prinzipiell offenes, konstruktivistisches Möglichkeitsbewußtsein. Ausführlich analysiert werden die modernitätstheoretischen Konsequenzen dieses Vorgangs: Temporalisierung, Beschleunigung der Zeiterfahrung, Fiktionalisierung des Erwartungshorizonts und die Dauerkrise als strukturelle Signatur der Moderne. Im dritten Schritt wird die Klassische Moderne als Epoche der radikalen Funktionalisierung von Kontingenz zur selbstmächtigen Kontingenzaufhebung rekonstruiert – von Schmitts Dezisionismus bis zu den ästhetischen Avantgarden –, wobei Benjamin als privilegiertes Studienobjekt dieser Kontingenzsemantik erschlossen wird. Den Abschluß bildet eine theoriegeschichtliche Positionierung der historischen Semantik gegenüber der postmodernen Kritik: nicht Emphatisierung der Kontingenz, sondern Anerkennung ihrer „Positivität" im Sinne der Unabweisbarkeit ihrer realitätsgenerierenden Effekte und damit eine analytische Alternative, die den diskurspolitischen Gegensatz von Modernität und Postmodernität überschreitet.

Organisierte Kreativität. Überlegungen zur ‚Ästhetisierung des Sozialen'.
Der Text korrespondiert mit der Studie zu ‚Kunstautonomie und Wettbewerbsgesellschaft'. Den Ausgangspunkt bildet die Figur Frank Wheelers aus Richard Yates' Roman „Revolutionary Road" als Prototyp des angestellten Kreativarbeiters der amerikanischen Nachkriegsmittelschicht. Er ist ein Mann mit diffusem Nonkonformismus, entgrenzten geisteswissenschaftlichen Erwartungen und der resignativen Entlastungsstrategie, die er als Werbefachmann gefunden hat und die ihn zum exemplarischen Träger jener habitualisierten Erwartungsüberschüsse macht, von denen die sogenannte ‚Kreativökonomie' lebt. Von dieser literarischen Ausgangsfigur entwickelt der Text eine sozialtheoretische Analyse der institutionalisierten ‚Ästhetisierung des Sozialen', deren historisches Zentrum die Geschichte des akademischen „Creative Writing" in den USA bildet. Im Anschluß an Mark McGurl wird diese Geschichte als bildungs- und sozialpolitisch initiierte Produktion kreativer Subjektivität rekonstruiert, die mindestens drei Funktionen hatte: die Steigerung und Verstetigung literarischer Produktion durch systematische Ausbildung von Schriftstellern, die Schaffung eines nachbürgerlichen Massenpublikums aus traditionell kunstfernen Schichten, und die Ausbildung von Arbeitskräften für die Kreativ- und Wissensökonomie. Bemerkenswert ist dabei, daß in den Workshops des „Creative Writing" keine avantgardistischen Formexperi-mente, sondern weitgehend traditionelle literarische Formen — und unter diesen vor allem die Prosadichtung und der psychologische Roman – im Zentrum standen. Der Text erschließt diesen Befund durch eine Bestimmung des Romans als privilegiertem Medium, in dem das Selbst- und Weltverhältnis eines Individuums reflexiv konstituiert wird und das damit einer Kultur entspricht, für die das individuelle Selbst- und Weltverhältnis nicht selbstverständlich, sondern reflexionsbedürftig und als bildungsgenerierte Subjektivität reflexionskonstituiert ist. Im Anschluß an Lukács' klassische Bestimmung des Romans als Form der „transzendentalen Obdachlosigkeit" und an Luhmanns Theorie des Kunstsystems – die die gesellschaftliche Funktion der Kunst in der symmetrischen Dignifizierung des Möglichen gegenüber dem Wirklichen und im Nachweis von Ordnungszwängen im Bereich des nur Möglichen bestimmt – wird der Roman als das am meisten ‚soziologische' Genre der Kunst bestimmt: als diejenige ästhetische Form, in der Orientierung in einem Sozialen eingeübt wird, das keine externe normative Referenz mehr hat, sondern sich performativ aus sich heraus konstituiert. Theoretisch unterscheidet der Text zwischen einem idealistischen und einem pragmatistischen Kreativitätsbegriff und zeigt, daß die organisierten „Creative Writing"-Programme eine Synthese beider vollziehen, indem sie reflexive Fiktionalisierung zur generalisierbaren Kulturtechnik machen. Die Hauptthese lautet, daß die ‚Ästhetisierung des Sozialen' auf diese Weise die komplementäre Seite der ‚Ökonomisierung des Sozialen' bildet. Beide zusammen bezeichnen den historisch-ontologischen Entstehungsnexus der liberalen Mittelschichtgesellschaft, deren Vergesellschaftungsprinzip nicht Präskription, sondern performative Selbstkonstitution ist und deren Tiefenstruktur die Fiktionalisierung des gesellschaftlichen Möglichkeitshorizonts darstellt. Der Text schließt mit dem Hinweis, daß die öffentliche Organisierung der Kreativität in diesem Zusammenhang nicht die Umkehrung von Schillers Konzept ästhetischer Erziehung, sondern das Medium einer Vergesellschaftung ist, die in einer performativen Ontologie gründet und deren Prinzip die größtmögliche kombinatorische Variabilität durch kommunikative Anschlußfähigkeit – nicht Nivellierung oder Homogenisierung – unterschiedlicher Elemente ist.

Kunstautonomie und Wettbewerbsgesellschaft. Nachtrag zur ‚Ökonomisierung des Sozialen'.
Der Text korrespondiert mit der Studie über ‚Organisierte Kreativität'. Den Ausgangspunkt bildet die These, daß der Begriff der ‚Ökonomisierung des Sozialen' – trotz seiner kritischen wie affirmativen Verwendungen – einen sozialontologischen Sachverhalt bezeichnet, der über bloße Kommerzialisierung weit hinausgeht, nämlich die Ablösung der Autorität als gesellschaftlichem Organisationsprinzip durch performative Selbstkonstitution des Sozialen. Im Anschluß an Foucaults „Geschichte der Gouvernementalität" wird ‚Ökonomisierung des Sozialen' als Übergang von präskriptiver zu performativer Vergesellschaftung bestimmt – als das Ende einer sozialen Ordnung, die auf juridische, disziplinierende oder regulierende Instanzen gegründet war, und als Durchsetzung eines Vergesellschaftungstyps, der Konformität nicht durch Heteronomie, sondern durch kommunikative Präsenz und autonome Funktionalität organisiert. Der Text zeigt dabei, daß die gesellschaftskritische Diskussion um die ‚Ökonomisierung des Sozialen' Foucaults gesellschaftstheoretisches Projekt in ein moralisierendes Instrument verwandelt hat, das auf das Repertoire der Kapitalismuskritik zurückgreift und dabei die eigentliche analytische Pointe verdeckt. Im Zentrum steht die Bestimmung der strukturellen Tiefenform dieser Ökonomisierung: nicht die Tausch-, sondern die Wettbewerbslogik. Im Anschluß an Simmels konfliktsoziologische Bestimmung der Konkurrenz als indirektem „Kampf ohne Gegner" – als einem Kampf, der sich nicht gegen den Gegner, sondern auf ein gemeinsames, situationstranszendentes Ziel richtet – wird der Wettbewerb als abstraktes Sozialverhältnis eigener Qualität bestimmt, das gerade nicht in der intersubjektiven Konkurrenz konkreter Akteure aufgeht, sondern durch die voneinander unabhängige Orientierung auf ein fiktional erschlossenes Ziel konstituiert wird und daher dauerhaftere Vergesellschaftungseffekte produziert als intersubjektive Arrangements. Die eigentliche Grundthese lautet, daß die modalontologische Voraussetzung dieser wettbewerbsbasierten Vergesellschaftung die autonome Kunst bildet, weil sie diejenige gesellschaftliche Sphäre ist, die konstitutiv die Differenz von Wirklichkeit und Möglichkeit offenhält und systematisch fiktionalisiert. Im Rückgriff auf Luhmanns Theorie des Kunstsystems wird die gesellschaftliche Funktion der Kunst als symmetrische Dignifizierung des Möglichen gegenüber dem Wirklichen bestimmt: Die imaginäre Welt der Kunst etabliert eine Position, von der aus etwas anderes als Realität bestimmt werden kann, und macht damit – durch den Nachweis von Ordnungszwängen auch im Bereich des nur Möglichen – das Mögliche zu einer dem Wirklichen gleichwertigen Größe. Diese Symmetrie von Wirklichkeit und Möglichkeit ist es, die den Wettbewerb über die Konkurrenz konkreter Akteure um konkrete Güter in jene abstrakte Dimension entgrenzt, in der jede Wirklichkeit mit mindestens einer anderen Möglichkeit konkurriert, ohne daß diese Wirklichkeit gegenüber den anderen Möglichkeiten privilegiert werden könnte. Die Verschränkung von Kunstautonomie und kompetitiver Vergesellschaftung wird damit zum Medium einer vollständigen Freisetzung der Erwartungen aus ihrer Erfahrungsbindung – und zugleich zu ihrer Selbstregulierung durch die Ordnungszwänge des Fiktionalen, die ästhetische Fiktionalisierung von anomischer Deregulierung unterscheiden. Der Text schließt mit der These, daß die ‚Ästhetisierung des Sozialen' als Durchsetzung möglichkeitsoffen-kreativer Dispositionen die notwendige komplementäre Seite der ‚Ökonomisierung des Sozialen' bildet und daß beide zusammen den historisch-ontologischen Entstehungsnexus der liberalen Mittelschichtgesellschaft bezeichnen.

Der Raum des Fortschritts.
Den Ausgangspunkt bildet die These, daß der technische Fortschritt des 20. Jahrhunderts jenseits geschichtsphilosophischer Perfektibilitätsmetaphysiken eine konkrete und materielle Gestalt hatte, die sich am prägnantesten im raumorganisatorischen Projekt der Moderne realisierte: der funktionellen Synthese von standardisierter Massenarchitektur und individualisierter Massenmobilität. Der Text erschließt dieses Projekt in drei Dimensionen. Als praktische Antwort auf die sozialen Kri-senfolgen der Industrialisierung — Übervölkerung der alten Quartiere, katastrophale Wohnverhältnisse, akute Integrationsdefizite der Metropolen — stellte die Verbindung von Architekturfunktionalismus und Massenmotorisierung ein Modell anonymer objektvermittelter Vergesellschaftung bereit, das keiner autoritativen Ordnungsinstanz bedurfte, weil es Integrationsprozesse aus kommunikativen Strukturen ohne integrierendes Zentrum generierte. Als konzeptuelle Antwort auf die Destrukturierung traditionaler Lebensformen realisierte es ein konstruktivistisches Weltverhältnis, dessen ultima ratio nicht Naturnachahmung, sondern gegennatürliche Überbietung mit wissenschaftlich-technischen Mitteln war. Als spezifisch moderne Op-timierungskultur materialisierte es sich paradigmatisch in der funktionellen Stadt, die das tayloristisch-fordistische Rationalisierungsmodell auf die Gesamtorganisation des gesellschaftlichen Raumes übertrug. Im Zentrum steht die These, daß das Prinzip der Standardisierung dabei keineswegs nivellierend war, sondern die Realitätsproduktion auf maximale Kombinationsvielfalt bei gleichzeitiger Anschlußfähigkeit ihrer Elemente ausrichtete — verfahrensrational, nicht zweckrational. Dem korrespondierte die Massenmotorisierung als gesellschaftliche Institutionalisierung einer Mobilisierungs- und Flexibilisierungslogik, die nicht nur eine strukturell garantierte Freiheit, sondern auch den strukturellen Zwang zur kommunikativen Anschlußfähigkeit begründete. Die Hauptthese lautet, daß der Architekturfunktionalismus in den ersten beiden Nachkriegsdekaden zur materiellen Form einer gesellschaftlichen Modernisierung wurde, die soziale Mobilität und räumliche Mobilität optimierungslogisch verschränkte — und damit den Fortschritt mit massenhaftem sozialem Aufstieg identifizierte. Der Text schließt mit der Übergangsdiagnose, daß diese Verschränkung bis in die späten 70er Jahre die hegemoniale Form sozialen Fortschritts blieb, weil die funktiona-listische Massenarchitektur die einzige praktikable Möglichkeit bot, die Wohnqualität großer Bevölkerungen rasch zu verbessern, ohne die Land-schaft rücksichtslos zu zersiedeln.

2000–2009

Kontingenz – Technisierung – „Möglichkeitssinn". Über ein Motiv bei Robert Musil.
Der Text entfaltet eine Synopse von Kontingenztheorie, neuzeitlicher Technisierung und Musils Konzept des „Möglichkeitssinns" als Beitrag zur Kultursoziologie der Klassischen Moderne. Ausgehend von der systematischen Ambivalenz des Kontingenzbegriffs – zwischen Verfügbarkeit und Unverfügbarkeit, Handlung und Zufall – wird gezeigt, wie das neuzeitliche Kontingenzbewusstsein den Handlungsbereich prinzipiell öffnet und Technisierung als gesellschaftliche Institutionalisierung einer konstruktivistischen Optimierungslogik etabliert, die strukturell auf permanente Kontingenzerhöhung zielt. Blumenbergs Begriff der „Kontingenzkultur" dient dabei als genealogischer Rahmen. Im Zentrum steht die Unterscheidung zwischen utopischer Kontingenzaufhebung durch finale Konstruktion – paradigmatisch im Funktionalismus Le Corbusiers und der Klassischen Moderne – und Musils „Möglichkeitssinn" als reflexivem Kontingenzbewusstsein, das Kontingenz nicht instrumentalisiert, sondern kultiviert. Im Anschluss an Plessners Konzept der „offenen Form" wird der „Möglichkeitssinn" als ästhetische Modalstruktur bestimmt, die eine spielerische, nicht-finale Souveränität gegenüber der Wirklichkeit realisiert und den Konjunktiv zur grammatischen Form eines experimentierenden Selbst- und Weltverhältnisses macht.

Das Hansaviertel in Berlin und die Selbstbegründung der Mittelschichtgesellschaft.
Der Text entwickelt, ausgehend von der Diskursgeschichte um das Berliner Hansaviertel (Interbau 1957), eine soziologische These zur kulturellen Selbstkonstitution der bundesdeutschen Nachkriegsgesellschaft. Gegen die postmoderne Kritik, die das Hansaviertel als Propagandaschau einer normierenden Sozialwohnung disqualifizierte, und gegen die Überdehnung zum Begriff der „Sozialutopie" wird argumentiert, dass das Viertel vielmehr den architektonischen Ausdruck einer „Selbstbegründung" der Mittelschichtgesellschaft darstellt – verstanden nicht als Legitimation, sondern als Setzung einer selbsttragenden Positivität. Helmut Schelskys Konzept der „nivellierten Mittelstandsgesellschaft" wird als soziologische Beschreibungsformel rekonstruiert, die sowohl Aufstiegs- als auch Abstiegsprozesse erfasst und soziale Mobilität als strukturelles Prinzip identifiziert, das Optimierungszwang und Versagensangst gleichursprünglich generiert. Dem gegenüber wird das Hansaviertel, über Kosellecks Begriff der „vergangenen Zukunft", als materielle Form einer Mittelschichtgesellschaft lesbar, deren architektonische Prinzipien – offene Form und standardisierte Vielfalt – Standardisierung nicht als Zwang, sondern als Freiheitsvoraussetzung fassen.

Grenzen im Sozialen. Eine sozialphilosophische Studie.
Der Text untersucht die radikale Kontingenz sozialer Grenzen als konstitutives Merkmal moderner Vergesellschaftung. Ausgehend von Kafkas Erzählung „Gemeinschaft" wird gezeigt, dass soziale Grenzziehungen zwischen „Wir" und „Nicht-Wir" sowohl zufällig als auch willkürlich sind, ohne deshalb beliebig zu sein. Die quantitative Bestimmtheit sozialer Gruppen erweist sich als strukturell instabil: Sie muss in qualitative Differenz, also kulturelle Identität im Sinne eines distinkten Weltverhältnisses, transformiert werden, um wirksam zu sein. Im Anschluss an Simmels Soziologie des Fremden wird Fremdheit als außermoralisches soziales Problem entwickelt, das durch fehlende gemeinsame Geschichte, gebrochene Zeiterfahrung und strukturelle Ortlosigkeit konstituiert wird. Zwei spezifisch moderne Transformationstendenzen werden analysiert: die Generalisierung von Fremdheit durch funktionale Differenzierung und Individualisierung einerseits, die Herausbildung des „marginal man" als positivem Subjektivitätstypus des Lebens auf der kulturellen Grenze andererseits. Abschließend wird gezeigt, dass dieser Typus an seine historischen Voraussetzungen – ökonomische Prosperität und prosperierende Mittelschichtkulturen – gebunden bleibt und unter Bedingungen forcierter Identitätspolitik an seine Grenzen stößt.

Benjamins Theorie der Massenkultur.
Der Aufsatz rekonstruiert aus den verstreuten medien-, urbanitäts- und subjektivitätstheoretischen Überlegungen Walter Benjamins – insbesondere aus dem Kunstwerk-Aufsatz und der Baudelaire-Studie – eine kohärente, implizite Theorie der Massenkultur, die über kulturkritische Rahmen hinausgeht und nach der historisch-systematischen Funktion der Massenkultur für Modernität als Lebensform fragt. Ausgangspunkt ist die These, daß Massenkultur nicht bloße Unterhaltungs- oder Konsumkultur, sondern die spezifische Mittelschichtskultur und damit die hegemoniale Leitkultur moderner Gesellschaft ist: ein eigenständiges, in Wechselkonstitution von Objektivität und Subjektivität stehendes Weltverhältnis von geradezu transzendentaler Dimension. Im Zentrum steht Benjamins Filmtheorie, der zufolge der Film als nicht-‚auratisches' Kunstwerk par excellence – konstituiert durch Montagetechnik, kollektive Produktion und ‚chockförmiges' Bauprinzip – die menschliche Wahrnehmung auf die artifiziellen Wirklichkeiten der technisierten Moderne einübt und diesen dadurch den Charakter von Lebenswelt verleiht. Das wird vermittelt über Benjamins Erfahrungstheorie, die ‚Erfahrung' und ‚Erlebnis' als kategoriale Gegensätze bestimmt: Erfahrung als kontinuierlich-kohärente, narrativ kumulative und präreflexiv sedimentierte Tradition; Erlebnis als diskontinuierlich-inkohärentes, chockförmiges und konstitutiv austauschbares Ereignis, das unter großstädtischen Bedingungen zur Norm wird. Vor dem Hintergrund des strukturell generierten Erfah-rungsschwunds und der gleichzeitigen Persistenz der Totalitätserwartung – dem Widerspruch, den Lukács als Signum der Moderne formuliert hatte – identifiziert Benjamin zwei gegenläufige, gleichermaßen problematische Subjektivitätsstrategien: die willkürlich-konstruktivistische Herstellung ‚auratischer' Erfahrung durch souveräne Subjektivität einerseits, ihre ereignishafte Simulation durch finale Überbietung des Chockerlebnisses bis zur Katastrophe andererseits. Massenkultur, und konkret der Film, erscheint bei Benjamin als dritte Option: als Medium einer Gesamttransformation des menschlichen Wahrnehmungsapparats, die souveräne Subjektivität struktu-rell vereitelt, weil sie Kohärenz nicht durch personale Authentizität, sondern durch sensorische Einübung in die Eigengesetzlichkeit artifizieller Wirklichkeiten stiftet.

Meer. Aspekte einer Daseins- und Lebensführungsmetapher.
Der Aufsatz entfaltet die historische Semantik der maritimen und nautischen Metaphorik als privilegierten Ort der philosophischen Reflexion auf Kontingenz, menschliche Selbstüberschreitung und die Bedingungen angemessener Lebensführung. Ausgehend von Hegels geschichtsphilosophischer Positivierung der Seefahrt als Medium individueller und kollektiver Selbstentfaltung, die das Meer als Paradigma eines offenen Möglichkeitshorizonts jenseits territorialer Gebundenheit begreift, wird die Ambivalenz rekonstruiert, die dieser Metaphorik von der Antike bis zur Moderne eingeschrieben ist: die Meerfahrt als frevlerische Grenzverletzung wider die natürliche Ordnung und als legitime Realisierung menschlicher Freiheit zugleich. Im antiken und mittelalterlichen Kontext steht die Küstenlinie für die ontologische Grenze zwischen bestimmter Wirklichkeit und orientierungswidrigem Apeiron; die Überschreitung dieser Grenze gilt als hybride Selbstanmaßung, deren ‚legitime' Konsequenz der Schiffbruch ist – paradigmatisch formuliert in Lukrez' Figur des Schiffbruchs mit Zuschauer, die Blumenberg als Leitparadigma der antiken Daseinsmetaphorik identifiziert. In der Neuzeit verschiebt sich die Bewertung: Neugierde und Grenzüberschreitung werden zur Bedingung wissenschaftlich-technischen Weltbezugs, und mit dem Strukturwandel des Raumes – von thalassischer Küstenschiffahrt zu ozeanischer Raumrevolution – wird die Meerfahrt zur Chiffre der neuzeitlich-modernen Existenz überhaupt: ›Vous êtes embarqué‹. Pascal, Kant, Nietzsche, Habermas, Heisenberg, Luhmann und Foucault werden als Stationen einer semantischen Geschichte gelesen, in der die nautisch-maritime Metaphorik die zunehmende Unlösbarkeit des Orientierungsproblems unter Bedingungen totaler Kontingenzerfahrung reformuliert: vom erkenntniskritischen Inselmodell über die Freisetzung ins „offene Meer" nach dem Tod Gottes bis zur Auflösung jeder stabilen Zuschauerposition – und zum abschließenden Bild Foucaults, in dem der Mensch am Meeresufer im Sand verschwindet.

Krise und Kontingenz. Zwei Kategorien im Modernitätsdiskurs der Klassischen Moderne.
Der Aufsatz rekonstruiert die diskursive Tiefenstruktur des Modernitätsdiskurses der Klassischen Moderne in Deutschland, indem er zwei systematisch aufeinander bezogene Kategorien – Krise und Kontingenz – als dessen konstitutive Strukturmomente herausarbeitet. Ausgangspunkt ist der Befund des vollständigen Wirklichkeitsverlusts, den Zeitgenossen wie Benn, Kracauer, Lukács und Benjamin als epochale Grundsituation der 20er Jahre diagnostizierten: die Zertrümmerung einer als homogen und sinnerfüllt erwarteten Wirklichkeit im Zuge der Auflösung bürgerlicher Ordnungshorizonte, verschärft durch das traumatische Kriegserlebnis. Krise wird dabei begriffsgeschichtlich als jener offene Übergangszustand bestimmt, der in der Moderne zum Dauerzustand tendenziell wird, weil die Freisetzung individueller und kollektiver Erwartungen aus Erfahrungsbindungen strukturell unabschließbar ist. Kontingenz bezeichnet die modallogisch ambivalente Grundverfassung dieser Situation: das Zufällige wie das Manipulierbare, das Unverfügbare wie das Konstruierbare. Die dominante Tendenz im Modernitätsdiskurs der Klassischen Moderne – von Schmitts Dezisionismus über die ästhetischen Avantgarden bis zu Lukács' marxistischer Totalitätsperspektive – reagierte auf diese Situation durch Strategien der Kontingenzaufhebung, die, bei aller inhaltlichen und politischen Differenz, strukturell konvergieren: in der Sehnsucht nach definitiver, homogener Wirklichkeit und in der Finalisierung konstruktivistischer Freiheit auf totale Ordnungsstiftung. Demgegenüber wird eine bislang theoriegeschichtlich marginalisierte Gegentendenz profiliert, die – bei Musil, Mannheim, Heller und vor allem Plessner – auf Kontingenztoleranz statt Kontingenzaufhebung setzt und die irreduzible Pluralität und Offenheit moderner Wirklichkeiten als konstitutive, nicht defizitäre Bedingung menschlicher Existenz und politischer Praxis begreift. Die theoretisch entscheidende Dichotomie im Diskurs der 20er Jahre erweist sich damit nicht als die zwischen rechts und links oder konservativ und progressiv, sondern als die zwischen Positionen, die auf Kontingenzaufhebung – so oder so – zielten, und solchen, die ein soziales Dispositiv des Kontingenzmanagements konzipierten, das absolute Lösungen prinzipiell ausschließt.

Kontingenz. Aspekte einer theoretischen Semantik der Moderne.
Der Aufsatz entwickelt eine historisch-systematische Rekonstruktion der Kontingenzsemantik als konstituierendem Narrativ der Moderne. Ausgangspunkt ist eine kritische Auseinandersetzung mit Luhmanns Bestimmung von Kontingenz als „Eigenwert der modernen Gesellschaft": Die systemtheoretische Kontingenzsemantik ontologisiert Kontingenz, indem sie das Kontingenzbewusstsein aus seiner historischen Spezifizität herauslöst und der Kontingenzsemantik damit selbst jene „Ultra-Bedeutung" verleiht, die sie als Analyseinstrument für Mythen reserviert. Dem gegenüber entwickelt der Aufsatz Kontingenz als historisch und kulturell variables Verhältnis von Wirklichkeit und Möglichkeit, dessen logisch-ontologische Grundbestimmung – kontingent ist, was weder notwendig noch unmöglich ist – eine irreduzible Ambivalenz zwischen Handlungsbereich und Zufallsbereich einschließt. Die historische Rekonstruktion zeigt, dass die antike Kontingenzsemantik auf Handlungskontingenz innerhalb eines ontologisch gegebenen Möglichkeitshorizonts beschränkt blieb, während die neuzeitliche Entgrenzung des Kontingenzbereichs – in Blumenbergs Bestimmung der Neuzeit als „Kontingenzkultur" – auch den Handlungsbereich selbst kontingent setzt und ein prinzipiell offenes konstruktivistisches Möglichkeitsbewusstsein generiert. Aus diesem Kontingenzbewusstsein gehen zwei strategisch komplementäre Dispositionen hervor: die funktionalistische Kontingenzbegrenzung durch gezielte Kontingenznutzung – realisiert in der disziplinären Vergesellschaftung und ihrer nachdisziplinären Transformation in das versicherungsförmige Risikomanagement – und die totalitätsorientierte Kontingenzaufhebung, deren Neigung zur Homogenisierung als gewalttätiger Ordnungsstiftung Bauman auf den Massenmord als letzte Konsequenz führt. Im zweiten Teil werden Positivierungen der Kontingenz rekonstruiert: Deweys pragmatistische Verschränkung von Freiheit und Kontingenz, Plessners anthropologische Bestimmung der Unbestimmtheitsrelation als konstitutiver Bedingung menschlicher Offenheit bei gleichzeitiger situativer Begrenzung, sowie Rortys Plädoyer für die Erkenntnis der Kontingenz als Verzicht auf transzendentale Letztbegründungen zugunsten einer historischen Erzählung liberaler Institutionen. Den Abschluss bildet die These, dass das metaphysische Bedürfnis nach Überwindung der Kontingenz die konstitutive andere Seite des modernen Kontingenzbewusstseins ist – und dass mit seinem eventuellen historischen Verschwinden auch die Kontingenzsemantik als Leitnarrativ der Moderne enden würde.

Die infrastrukturelle Konstruktion der „Volksgemeinschaft". Aspekte des Autobahnbaus im nationalsozialistischen Deutschland.
Der Aufsatz analysiert die Reichsautobahn als paradigmatisches Infrastruktur- und Kommunikationsprojekt des Nationalsozialismus, dessen Bedeutung weit über die mythisch gewordenen Vorstellungen von Arbeitsbeschaffung, Kriegsvorbereitung und nationalsozialistischer Urheberschaft hinausgeht – Vorstellungen, die der Aufsatz im ersten Schritt systematisch dementiert. Die zentrale These lautet, dass die Autobahn in ihrer doppelten Eigenschaft als Infrastruktur- und Kommunikationsprojekt die funktionelle Matrix für die buchstäblich artifizielle Konstruktion der nationalsozialistischen „Volksgemeinschaft" war: eine mobilitätsgestützte Form verdichteter Sozialintegration im großgesellschaftlichen Maßstab, die – strategisch komplementär zum immateriellen Medium des Rundfunks – durch materielle Vernetzung die territoriale Imagination einer nationalen Zusammengehörigkeit realisieren sollte. Der Autobahnbau stand dabei im Kontext einer forcierten Massenmotorisierung und des nationalsozialistischen Freizeitprojekts „Kraft durch Freude", in dem Tourismus und individuelle Mobilität zu Instrumenten der Auflösung tradierter sozialräumlicher Identitäten und der Herstellung neuer nationaler Bindungen wurden. Besondere Aufmerksamkeit gilt der ästhetischen Dimension des Projekts: Die minutiöse Gestaltung der Landschaft als sinnlich wahrnehmbarer Seite einer neugeordneten Raumordnung, die „Entdeckung der Landschaft durch den Techniker" und die szenisch-filmische Konzeption der Autobahnfahrt realisierten eine totalitäre Ästhetisierung, die das Ästhetische zur Matrix einer zwangsförmigen Optimierung der Wirklichkeit machte. Der „reaktionäre Modernismus" einer Synthese von Technik und Kultur erweist sich dabei als Tiefenstruktur, in der das avantgardistische Dispositiv von Dekonstruktion und Konstruktion politisch radikalisiert und die Massenmotorisierung als Disziplinierungsprozess zur Konditionierung auf raumgreifende Dynamik wurde. Den Abschluss bildet die Bestimmung des nationalsozialistischen Projekts in seiner letzten Konsequenz: Die technisch forcierte und ästhetisch finalisierte totalitäre Optimierung als Kriegserklärung an die Unvollkommenheit der Schöpfung, deren ultima ratio der Massenmord war.

Ein Mythos massenkultureller Urbanität. Der Potsdamer Platz aus der Perspektive von Diskursanalyse und Semiologie.
Der Aufsatz analysiert den Mythos „Potsdamer Platz" als diskursive Realität eines kollektiven Imaginationsraums, dessen zentrale Funktion die retroaktive Selbstbegründung massenkultureller Urbanität als spezifisch moderner Lebensform ist. Ausgangspunkt ist die prima vista unwahrscheinliche Karriere des Platzes zum mythischen Inbegriff von Modernität: Gerade seine urbanistische Gestaltlosigkeit – seine Eigenschaft als „Un-Platz par excellence" – prädestinierte ihn zur materiellen Referenz immaterieller Qualitäten, die sich nicht in substantiellen, sondern in funktionellen Realien manifestierten. Die diskursanalytische Rekonstruktion erschließt zwei Phänomene, um die sich die Arbeit am Mythos in der zweiten Hälfte der 20er Jahre zentrierte: technisierte Mobilität als massenhafte Aneignungsform der Technisierung sozialer Wirklichkeiten und ästhetisierte Oberflächenhaftigkeit als massenhafte Aneignungsform ihrer Ästhetisierung, die im Entwurf Martin Wagners für einen „Weltstadtplatz" (1928/29) zu einem funktionellen Ensemble aus Verkehr, Oberfläche und Ökonomisierung verschränkt wurden. Der eigentliche theoretische Kern des Aufsatzes liegt in der Bestimmung der Massenkultur als zureichender Bedingung des Mythos: Massenkultur ist nicht nur das allgemeine Dispositiv für die soziale Aneignung artifizieller Wirklichkeiten, sondern die soziale Realisierungsbedingung einer konstruktivistischen Disposition, die artifizielle Wirklichkeiten zur selbstverständlichen Lebenswelt macht und damit den „Möglichkeitssinn" im gesellschaftlichen Maßstab etabliert. Der semiologische Begriff des Mythos bei Roland Barthes – Mythos als sekundäres semiologisches System, das Geschichte in Natur verwandelt und historisch entstandene Bedeutungen mit transhistorischen Ultra-Bedeutungen überformt – liefert das Instrument, diese Selbstbegründung als Ontologisierung massenkultureller Urbanität zu analysieren. Den Abschluss bildet eine Diagnose des neuen Potsdamer Platzes als Ort vollendeter Deterritorialisierung: Die Neubebauung der 90er Jahre zitiert den Mythos, folgt ihm aber nicht mehr – ein Zeichen dafür, dass die klassisch-moderne Kopplung immaterieller Qualitäten an materielle Referenzen ihre realitätskonstituierende Zentralität eingebüßt hat.

Vergesellschaftung durch Architektur. Gesellschaftstheoretische Aspekte der funktionellen Stadt.
Der Aufsatz entwickelt eine gesellschaftstheoretische Analyse der funktionalistischen Architekturmoderne, ausgehend von der These, daß Architektur in der Moderne nicht mehr nur als konstituierte Form, sondern als konstituierendes Medium sozialer Wirklichkeit auftritt. Im Zentrum steht die Utopie der funktionellen Stadt – von Ledoux' protofunktionellen Idealstädten des späten 18. Jahrhunderts bis zu Le Corbusiers Entwurf der „Ville Contemporaine" (1922) – als paradigmatische Realisierung einer architekturgenerierten Vergesellschaftung, die über die infrastrukturelle Bewältigung sozialer Desintegrationsprobleme hinaus auf die materielle Institutionalisierung einer Optimierungsgesellschaft zielt. Die gesellschaftstheoretische Leitdifferenz ist die zwischen repräsentativer und konstruktiver Architektur: Während die vormoderne Idealstadt noch Ausdruck einer gegebenen politisch-sozialen Wirklichkeit war, ist die funktionelle Stadt deren eigenständige Herstellung – Konstruktion im strikten Sinne einer reflexiv elaborierten artifiziellen Objektivität. Das Prinzip der Funktionstrennung erweist sich dabei als doppelt funktional: als strukturelle Garantie autonomer Eigenlogik der gesellschaftlichen Teilbereiche und zugleich als Bedingung ihrer konstruktivistischen Konstellierung zum komplexen interdependenten Ganzen. Die Analyse situiert die funktionelle Stadt im Schnittpunkt dreier konvergierender Tendenzen moderner Vergesellschaftung: disziplinärer Subjektivierung nach Maßgabe humanwissenschaftlicher Perfektibilitätskonzepte, wissenschaftlich-technischer Naturbeherrschung als konstruktivistischer Überbietung jeder nachahmenden Vollendung der Natur, und ästhetischer Souveränität als privilegiertem Gestaltungsanspruch im Sozialen. Die funktionelle Stadt ist damit die architektonisch materialisierte Synthese dieser drei Tendenzen und zugleich das elaborierteste Konzept einer objektvermittelten, an dingontologischen Artefakten orientierten Vergesellschaftung des Industriezeitalters. Den Abschluß bildet eine Übergangsdiagnose: Mit der historischen Durchsetzung der Massenkultur in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts tritt tele-technische Deterritorialisierung an die Stelle bautechnischer Territorialisierung; an die Stelle der Dingontologie materialisierer Sozialverhältnisse tritt eine Modalontologie virtualisierter Sozialverhältnisse – und damit eine andere Form artifizieller Vergesellschaftung.

Historische Kontingenz und soziale Optimierung.
Der Aufsatz entwickelt eine modernitätstheoretische Analyse, die Hegels Bestimmung der „absoluten Fixierung der Entzweiung" als implizites Koordinatensystem verwendet, um eine funktionelle Disposition moderner Gesellschaften zu erschließen: ihre Konstitution als Kontingenzgesellschaften. Die Leitthese lautet, daß Kontingenz in modernen Gesellschaften nicht als ontologisches factum brutum, sondern als variables Reflexionsprodukt zu fassen ist – als eine im Sozialen erschlossene und modifizierte Spannung von Wirklichkeit und Möglichkeit, die den spezifischen Möglichkeitshorizont einer Gesellschaft konstituiert. Der erste Schritt entwickelt eine Differenzierung der logisch-ontologischen Ambivalenz des Kontingenten in Handlungskontingenz (das Verfügbar-Disponible) und Ereigniskontingenz (das Unverfügbar-Zufällige), aus der zwei strukturelle Grundprobleme folgen: das Interferenzproblem und das Orientierungsproblem. Der zweite Schritt rekonstruiert die historische Transformation dieser Problematik: Während die antike Kontingenz auf Handlungskontingenz beschränkt blieb – kontingent waren Ereignisse, nicht Ereignishorizonte –, erfaßt die neuzeitliche Kontingenz den Handlungsbereich selbst und generiert ein prinzipiell offenes, konstruktivistisches Möglichkeitsbewußtsein. Der dritte Schritt analysiert die disziplinäre Vergesellschaftung seit der frühen Neuzeit als epochale Antwort auf diese Situation, die das Spannungsfeld von Selbsterhaltung und Selbstentfaltung, von Kontingenzbegrenzung und Kontingenznutzung institutionalisiert – von der Sozialdisziplinierung über die Perfektibilitätsidee der Aufklärung bis zu den technokratischen Gesellschaftskonzepten der Klassischen Moderne. Zentral ist dabei die Unterscheidung zwischen Utopie und Optimierung: Während Utopie eine definitive Reduktion von Kontingenz in einem idealen Endzustand anvisiert, steigert Optimierung als situativ extrapolierte und prinzipiell schrankenlose Überbietung Kontingenz und stellt die permanente Horizontverschiebung auf Dauer. Den Abschluß bildet eine Rückkehr zu Hegel: Entzweiung als Signatur der modernen Welt ist weder einseitig aufzulösen noch zu transzendieren, sondern als die historisch bestimmbare Rationalität zu begreifen, in der sich die Vernunft zu einer Zeit realisiert.

1990–1999

Grenze und Horizont. Zwei soziale Abschlußparadigmen.
Der Aufsatz entwickelt eine systematische und historische Analyse zweier grundlegender Modalitäten, in denen Gesellschaften ihre Reichweite entwerfen und ihre Kontur festlegen: Grenze und Horizont als komplementäre, aber prinzipiell verschiedene Abschlußparadigmen. Die systematische These lautet: Grenzen schließen Wirklichkeitsbereiche ab und implizieren dabei ein reales Außen, das Überschreitung ermöglicht; Horizonte eröffnen Möglichkeitsbereiche und implizieren ein imaginäres Innen, das erweitert, aber nicht verlassen werden kann. Die historische These lautet, daß die europäische Neuzeit durch eine zunehmende Inkongruenz dieser beiden Abschlußparadigmen charakterisiert ist: das Auseinandertreten von Grenze und Horizont eröffnet einen potentiell unendlichen Möglichkeitsbereich, dessen Instrumentalisierung jenes konstruktivistische Selbst- und Weltverhältnis generiert, das sich im Sozialen als Gestaltung der Gesellschaft, im Technischen als Naturbeherrschung und im Ästhetischen als Autonomisierung der Kunst manifestiert. Die soziologische These lautet, daß die bürgerliche Gesellschaft des 19. Jahrhunderts die Horizontverschiebung zur Chiffre einer gesellschaftlichen Dynamik gemacht hat, die Optimierung an die Stelle der Überschreitung setzt und als Fortschritt geschichtsphilosophisch finalisiert. Grundlage dieser Analyse ist eine begriffsgeschichtliche Rekonstruktion beider Paradigmen, die ihre strukturelle Kongruenz im antiken und mittelalterlichen Verständnis – Grenze und Horizont fallen dort als Trennlinien zwischen bestimmter Wirklichkeit und unbestimmter Möglichkeit zusammen – und ihre neuzeitliche Ausdifferenzierung durch den Strukturwandel des Raumes freilegt: Territorialisierung der Grenze, Deterritorialisierung des Horizonts. Den Abschluß bildet eine Diagnose der Gegenwart: Die postmodernen, kulturellen und identitätspolitischen Grenzziehungen der Gegenwartsgesellschaften erscheinen als interne, deterritorialisierte Widerstandslinien gegen den Absolutismus der Möglichkeit – keine Rückkehr zu äußeren Grenzen, sondern abstrakte Markierungen gegen den Imperativ schrankenloser Perfektibilität.

Wirklichkeiten zwischen Literatur, Malerei und Sozialforschung.
Der Aufsatz entwickelt eine vergleichende Analyse ästhetischer und sozialwissenschaftlicher Verfahren der Wirklichkeitserschließung in der Klassischen Moderne, ausgehend von Blumenbergs historischer Typologie der Wirklichkeitsbegriffe. Die Leitthese lautet, daß spätestens in der Klassischen Moderne der 1920er Jahre ästhetische Erfahrung und sozialwissenschaftliche Erkenntnis kein konkurrierendes, sondern ein funktionelles Kontinuum bilden, insofern beide die prinzipielle Gegenstandsunsicherheit moderner Wirklichkeiten produktiv wenden: als positiven Ausgangspunkt von Verfahren, die auf die Überwindung des Impressionismus und auf den Erwerb von Realitätskonstruktionen zielen, die nicht realienbezogen, sondern realitätsbezogen operieren. Das tertium comparationis bildet der Kubismus als Verfahrenskontinuum zwischen kombinatorischer Montage und abstrahierender Synthese. An zwei sozialwissenschaftlichen Studien wird die These exemplifiziert und differenziert: Kracauers „Die Angestellten" (1930) und Jahoda/Lazarsfeld/Zeisels „Die Arbeitslosen von Marienthal" (1933). Kracauer führt, von der Benjaminschen Allegorie her, ein Konzept der kombinatorischen Montage in die soziologische Realitätskonstruktion ein, das auf die prä-abstrakte Seite des kubistischen Verfahrens verweist und durch Insistenz auf den konkreten Phänomenen den Weg in die Abstraktion blockiert; sein Ausgangspunkt ist die fragmentierte, sinnentleerte Wirklichkeit der Moderne. Lazarsfeld dagegen entwickelt mit der „integralen Interpretation" ein Verfahren der abstrahierenden Synthese – ein „Zwischending zwischen Analogie und Modell" –, das die abstrakt-synthetische Seite des kubistischen Verfahrens in der Quantifizierung zum Objektivitätskriterium macht; sein Ausgangspunkt ist eine perspektivische, komplexe, unüberschaubare Wirklichkeit. Die Differenz zwischen beiden Konzepten – kombinatorische Montage versus abstrahierende Synthese – erweist sich als prinzipiell und nicht nur graduell: Lazarsfelds Konstruktivismus zielt nicht auf Sinn, sondern auf Objektivität.

Modernität als Kontingenzkultur. Konturen eines Konzepts.
Der grundlegende Aufsatz des gesamten Theorieprogramms entwickelt ein modernitätstheoretisches Konzept, das Modernität strukturell als Kontingenzkultur bestimmt: als eine Epoche, die von dem Grundgedanken geprägt ist, daß nicht sein muß, was ist, und die aus diesem Kontingenzbewußtsein ihr spezifisches Selbstverständnis bezieht. Ausgangspunkt ist eine historisch-systematische Rekonstruktion des Kontingenzbegriffs in seiner logisch-ontologischen Ambivalenz – Kontingenz als Zufallsbereich (das Unverfügbare) und als Handlungsbereich (das Verfügbare) – sowie seiner historischen Varianz, die allein die sozialwissenschaftliche Verwendung des Begriffs über das Niveau der Trivialität hebt. Die nautische Metaphorik dient als Leitfaden für die Exposition des neuzeitlichen Ordnungswandels: von der geschlossenen Ordnung klassischen Typs, in der Kontingenz allenfalls die Außengrenze einer substanziell fundierten Gesamtordnung markiert, zur modernen Ordnung, in der Wirklichkeit selbst heterogen und plural wird und Kontingenz zu einem konstitutiven Moment des Selbst- und Weltverständnisses avanciert. Die eigentlich modernitätstheoretische These lautet, daß aus dieser Situation zwei spezifisch moderne strategische Dispositionen hervorgehen, die – trotz aller historischen Konflikte – als systematisch komplementäre Tendenzen zu lesen sind: soziale Normalisierung als Antwort auf das Ordnungsproblem, ästhetische Souveränität als Antwort auf das Wirklichkeitsproblem der neuzeitlichen Kontingenz. Beide verbindet eine konstruktivistische Rationalität, deren Strukturformel lautet: Kontingenzbegrenzung durch gezielte Kontingenznutzung. Die Synopse beider Tendenzen kulminiert im Beispiel der Architekturavantgarde der Klassischen Moderne. Den Abschluß bildet eine Lektüre des radikalen Modernitätsdiskurses der 20er Jahre als dichotomische Polarisierung zwischen finaler Kontingenzaufhebung und finaler Kontingenzaffirmation – eine Polarisierung, die das Spannungsfeld von Modernität als Kontingenzkultur ungewollt bekräftigt und über die auch die postmoderne Positivierung der Kontingenz nicht wirklich hinausführt.

Foucaults Moderne.
Der Aufsatz rekonstruiert Foucaults theoretisches Unternehmen als großangelegte Theorie der Moderne in der Nachfolge des Hegelschen Programms einer „Ontologie der Gegenwart": nicht Analytik der Wahrheitsbedingungen, sondern Analyse des „aktuellen Feldes möglicher Erfahrung" in den modernen abendländischen Gesellschaften. Das dreidimensionale Koordinatensystem von Wissen, Macht und Subjektivität entfaltet Foucault dabei so, daß jede systematische Form sofort mit ihrer historischen Kontingenz konfrontiert wird – Wissen als diskursives Produkt, Macht als relationales Kraftverhältnis, Subjektivität als historisch variabler Selbstbezug. Die methodische Pointe liegt in der Verbindung von Historisierung durch De-Ontologisierung (Archäologie, Genealogie) und Alienisierung durch De-Semantisierung (Diskursanalyse, Dispositivkonzept) als wechselseitig kontrollierter doppelter Distanzierung von den Evidenzen europäischer Modernität. Inhaltlich zielt Foucaults Analyse auf die Bio-Macht als paradigmatische Machttechnologie moderner Gesellschaften: jene Transformation von der Souveränitätsmacht (juridisches und existenzielles Paradigma, Recht über Leben und Tod) zur Normalisierungsmacht (Disziplin und regulierende Kontrolle als Technologien der Optimierung des Lebens), die seit dem 17. Jahrhundert die europäischen Gesellschaften formiert hat. Die biopolitische Dimension dieser Analyse – die Frage, wie die Rationalisierung zur Raserei der Macht führt – mündet in Foucaults These vom Rassismus als technologischem, nicht ideologischem Element moderner Macht, das die Tötungsfunktion innerhalb der Bio-Macht sichert und in zwei historischen Formen konkret wurde: als ethnischer Staatsrassismus im Nationalsozialismus und als evolutionistischer Sozialrassismus. Am Ende steht Foucaults Selbstprogrammatik: der Intellektuelle als Zerstörer von Evidenzen und Universalien als Voraussetzung einer anderen Politik der Wahrheit.

Plessners Fremdheit in der Klassischen Moderne.
Der Aufsatz rekonstruiert Plessners theoretische Selbstpositionierung im Diskurs der Klassischen Moderne als eine doppelte, strategisch kalkulierte Abgrenzungsbewegung. Gegen den dominanten Erwartungshorizont der 20er Jahre – die quer durch die politischen Lager geteilte Sehnsucht nach einer neuen sinnhaften Wirklichkeit, die alle Fremdheit einholt und alle Entfremdung aufhebt – setzt Plessner die anthropologische These der „konstitutiven Heimatlosigkeit": nicht die moderne „transzendentale Obdachlosigkeit" im Sinne Lukács' als zu überwindender Mangel, sondern die exzentrische Lebensform des Menschen und sein unaufhebbares Stehen im „Nirgendwo" als strukturelle Bedingung seiner Offenheit. Zugleich grenzt Plessner sich gegen die radikalisierte Entgegensetzung von Wirklichkeit und Möglichkeit ab – gegen jene Erhebung des Konjunktivs zum endlosen Selbst- und Weltbezug, die Musils „Mann ohne Eigenschaften" ironisch durchspielt. Das kategoriale Instrument dieser zweifachen Distanzierung ist die Heisenbergsche Unbestimmtheitsrelation als anthropologisches Modell: Der Mensch steht weder im Indikativ bindender Wirklichkeit noch im Konjunktiv uferlosen Möglichkeitsdenkens, sondern in der Unbestimmtheitsrelation zu sich selbst, die Möglichkeitsoffenheit und situative Begrenzung zugleich impliziert. Die „selige Fremde" — Plessners Gegenbegriff zur Heimatemphase — bezeichnet so keine Gegenutopie, sondern eine Disposition: das Fremde als das Eigene im Anderen, Unheimlichkeit als anthropologische Verfassung. Plessner steht damit in den 20er Jahren und weist zugleich über sie hinaus – eine exzentrische Position im wörtlichen Sinne.

Grenzziehung. Das Fremde und das Andere.
Der Essay entwickelt eine begriffliche Differenzierung zwischen dem Anderen und dem Fremden, dem Eigenen und dem Vertrauten, die deren wechselseitige Konstitution freilegt. Das Fremde ist nicht das schlechthin Andere, sondern eine spezifische Formierung des Anderen – eine Konstruktion, die entsteht, wenn das Eigene seine fraglose Kohärenz verliert und das nicht Integrierbare gegen einen reduzierten Kern des Vertrauten abgegrenzt wird. Fremdheit ist damit primär ein Symptom der Fragwürdigkeit des Eigenen, nicht eine Eigenschaft des Anderen. Der Aufsatz zeigt, dass in modernen Gesellschaften, die das Eigene als prinzipiell disponibel und veränderlich begreifen, die Grenze zwischen Eigenem und Anderem ihren absoluten Charakter verliert und willkürlich gesetzt werden muss – woraus eine strukturelle Neigung zur Codierung des Anderen als Fremdes folgt. Die Konjunktur von Fremdheits- und Überfremdungsdiskursen erscheint so als Krisensymptom: als Versuch, Kontingenz durch Grenzziehung zu beenden.

Tendenzen der Zwanziger Jahre. Zum Diskurs der Klassischen Moderne in Deutschland.
Der Aufsatz rekonstruiert den Diskurs der Klassischen Moderne in Deutschland als Reaktion auf eine doppelte Erfahrung: den traumatischen Wirklichkeitsverfall nach dem Ersten Weltkrieg und die erstmalige umfassende Präsenz von Modernität als heterogener, ontologisch nicht fundierter Pluralität. Die These lautet, dass der dominante Diskurs der 20er Jahre – trotz aller inhaltlichen und politischen Differenzen zwischen Schmitt, Benjamin, Lukács, Benn und Kracauer – in seiner Tiefenstruktur auf Kontingenzbewältigung im Sinne ihrer Aufhebung finalisiert war: auf die souveräne Setzung neuer Totalität, die Evokation ontologischer Evidenz durch ästhetische Techniken oder die regressive Beschwörung substanzieller Wesensmerkmale. Als theoretisch entscheidende Dichotomie des Jahrzehnts erweist sich damit nicht der Gegensatz von rechts und links, sondern der zwischen Kontingenzaufhebung und Kontingenztoleranz – eine Dichotomie, die an Gegenpositionen wie Musils funktionalistischem Denken, Hellers demokratietheoretischem Antagonismuskonzept und Plessners anthropologischer Begründung konstitutiver Heimatlosigkeit entwickelt wird.

Möglichkeitsbändigungen. Disziplin und Versicherung als Konzepte zur sozialen Steuerung von Kontingenz.
Der Aufsatz entwickelt eine sozialtheoretische Analyse der zwei paradigmatischen Strategien, mit denen moderne Gesellschaften auf die neuzeitliche Expansion des Möglichkeitshorizontes reagieren. Ausgangspunkt ist die strukturelle Ambivalenz des Kontingenten: Es bezeichnet gleichermaßen das Unverfügbare – Zufall, Schicksal, Risiko – wie das Verfügbare, nämlich den offenen Handlungsbereich menschlicher Praxis. Diese Ambivalenz hat in der Neuzeit zwei komplementäre, aber einander entgegengesetzte Steuerungskonzepte hervorgebracht. Das erste ist die Disziplin, deren Linie von der frühneuzeitlichen Sozialdisziplinierung über Foucaults normalisierende Disziplinargesellschaft bis zur „gesellschaftssanitären" Polizeikonzeption des BKA-Chefs Horst Herold reicht: Sie zielt auf Kontingenzbewältigung durch Naturbeherrschungslogik, also auf die möglichst vollständige Ausschaltung des Unberechenbaren. Das zweite ist die Versicherung, die Kontingenz nicht beseitigt, sondern als Bedingung menschlicher Handlungsmöglichkeit managt und ihre negativen Folgen präventiv oder kompensatorisch auffängt. Beide Konzepte werden in ihrer historischen Entwicklung und ihren erkenntnistheoretischen Grundlagen rekonstruiert; der Akzent liegt auf dem Nachweis, dass das Spannungsfeld zwischen Bewältigung und Management von Kontingenz den strategisch unüberschreitbaren Horizont moderner Gesellschaftspolitik bildet.

1980–1989

Valérys Moderne.
Der Aufsatz entwickelt Paul Valérys Modernitätstheorie als strukturelle Bestimmung: Modernität ist für Valéry nicht Krise im kulturpessimistischen Sinne, sondern die zur Selbstverständlichkeit gewordene Koexistenz heterogener, einander widersprechender Wirklichkeiten, Werte und Orientierungen – eine inhaltsleere, rein formale Beschreibung, die Valéry mit auffälliger analytischer Nüchternheit vornimmt. In Abgrenzung sowohl von der Avantgarde, die auf Aufhebung der Heterogenität in neuer Totalität zielt, als auch von den zeitgenössischen deutschen Krisendiagnosen, die Modernität zum Ausnahmezustand radikalisieren, entwirft Valéry eine Position, in der der „Geist" als Agent des Nicht-Existenten und des Möglichen alle lebensweltliche Finalisierung unterläuft. Plessners Begriff des „Ungrundes" wird zur impliziten Folie: Valérys Geist ist das kategoriale Gegenteil substantieller Fundierung – ein nonkonformistischer, strukturell asozialer Rebell, der die Unordnung nicht beklagt, sondern als Bedingung seiner eigenen Tätigkeit begreift.

Der Mann auf der Grenze. Robert Ezra Park und die Chancen einer heterogenen Gesellschaft.
Der Aufsatz rekonstruiert Robert Ezra Parks Soziologie als Theorie heterogener Gesellschaften, ausgehend von Parks Biographie als exemplarischer Existenz auf der Grenze zwischen Kulturen. Im Zentrum steht Parks Konzept des marginal man – nicht als Randexistenz, sondern als Zentralgestalt der Moderne: ein Persönlichkeitstyp, der in zwei antagonistischen Kulturen zugleich lebt und dessen konstitutive Ambivalenz zur dauerhaften Lebensform wird. In kritischer Auseinandersetzung mit Georg Simmels Fremdem wird gezeigt, dass Park Heterogenität nicht als integrationsbedürftiges Defizit, sondern als strukturelle Bedingung individueller Freiheit in der Großstadt begreift. Die segmentierte Großstadt erscheint dabei als sozialer Raum, der Homogenisierung verhindert und Urbanität als irreversible Freiheitserfahrung ermöglicht – eine Perspektive, die sich scharf von den gleichzeitigen deutschen Diskursen über Entfremdung, Heimatlosigkeit und Ausnahmezustand absetzt.

Revolte für eine andere Stadt (gemeinsam mit Rudolf Lüscher).
Der Essay analysiert die urbanen Jugendrevolten der frühen 1980er Jahre in der Schweiz – exemplarisch die Zürcher Bewegung –als Forderungen nach Einlösung eines strukturellen Versprechens, das die moderne Stadt laufend gibt und laufend bricht: das Versprechen der Urbanität als freier Vermischung heterogener Lebensformen. Die Revolten gelten nicht als antisoziale Auflehnungen und noch weniger als Rückzug ins Ländliche, sondern als Protest gegen die administrative Privilegierung des Sozialen, die kontingente, unberechenbare Momente des städtischen Lebens zugunsten funktionaler Ordnung kanalisiert und so Urbanität auf Fassade reduziert. Die Analyse verbindet stadtsoziologische Beobachtung – unter anderem an Le Corbusiers radikalem Funktionalismus und Rem Koolhaas' Begriff der „Kultur der Übervölkerung" – mit einer Theorie des Politischen: Die Revolten überschreiten das Politische nicht, weil sie hinter es zurückfallen, sondern weil sie auf eine Lebensform zielen, in der das Soziale Basisstruktur statt Privileg wäre.