Die gesellschaftliche Organisation der Möglichkeitsoffenheit. Aufriss einer Theorie der Moderne.
1. Das vormoderne Möglichkeitsbewusstsein
2. Das moderne Möglichkeitsbewusstsein
3. Die Fiktionalisierung des Möglichkeitshorizonts und die Differenz von Utopie und Optimierung
4. Kontingenzaufhebung durch strategische Kontingenznutzung – die klassische Moderne
5. Kontingenzbegrenzung durch institutionalisierte Möglichkeitsoffenheit – die konsolidierte Moderne
6. Theorie der Moderne als kritisches Projekt
7. Übersicht
1. Das vormoderne Möglichkeitsbewusstsein
Jede Gesellschaft hat ihren eigenen Möglichkeitshorizont. Ihm gewinnt sie die Kriterien ihres Selbstverständnisses ab, er markiert ihr Feld möglicher Erfahrung, in ihm öffnet sich ihr Bereich rationaler Handlungen, vor ihm legitimieren sich die institutionalisierten Formen ihrer Selbstkonstitution. Dem entspricht, dass der Begriff der Kontingenz, der das Verhältnis von Wirklichkeit und Möglichkeit als Zufälligkeit oder als Machbarkeit bestimmt, keine unveränderliche Gegebenheit bezeichnet, die aller Geschichte, aller Kultur und aller Gesellschaft vorgängig wäre, sondern eine Modalstruktur, also eine grundlegende Art und Weise, in der eine Zeit, eine Kultur und eine Gesellschaft ihr spezifisches Verhältnis von Wirklichkeit und Möglichkeit und damit ihren spezifischen Möglichkeitshorizont erschließt.
Nicht nur für die Antike, so kann man idealtypisch sagen, sondern bis weit in die frühe Neuzeit korrespondierte dieser Horizont mit einem Möglichkeitsbewusstsein, das den Macht- und Wirkungsbereich des Menschen klar von dem unterschied, was sich ihm entzog und die Reichweite seiner Handlungen dadurch begrenzte. Darin realisierte sich zunächst die ontologische Beschränkung der genuinen Sphäre des Menschen durch die antike Kosmologie. Das antike Kontingenzbewusstsein ging davon aus, dass nur Ereignisse, nicht aber Ereignisbereiche und ihre Möglichkeitshorizonte anders sein konnten. Kontingenz realisierte sich dementsprechend in der konkreten Pluralität aktueller Alternativen. Und Handeln bezog sich ausschließlich auf empirische Gegenstände und intersubjektive Verhältnisse, die in einem finiten Möglichkeitshorizont standen. Kontingenz war hier ein praktisches Problem. Das änderte sich in einer bestimmten Hinsicht zum Mittelalter hin fundamental. Das mittelalterliche Kontingenzkonzept hat das Möglichkeitsbewusstsein nicht nur entgrenzt, universalisiert und radikalisiert – es hat das Kontingenzkonzept auch auf höchst folgenreiche Weise theoretisiert. Anders als in der Antike stand jetzt nicht nur das Handeln, sondern auch die ganze Welt, in der gehandelt wurde, zur Disposition, weil ihre Existenz einzig vom Willen Gottes abhing. Im Prinzip war jetzt tatsächlich alles möglich, aber nicht weil der Bereich des menschlichen, sondern weil der Bereich des göttlichen Handelns durch seinen Gestaltungstotalitätsanspruch keine Grenze hatte. Dem entsprach der theologische Erkenntnistotalitätsanspruch und die erkenntnistheoretische Prämisse, dass die Wirklichkeit von einer einzigen transzendenten Instanz garantiert würde und dass nicht nur ihre Ordnung, sondern auch ihre Existenz von dieser transmundanen Instanz annulliert werden könnte.
2. Das moderne Möglichkeitsbewusstsein
Die mittelalterliche Radikalisierung der Kontingenz hat der Wirklichkeit die immanent begründete Stabilität entzogen, die sie als momentan evidente Realität in der Antike hatte. Aber mit dem Ende des theologischen Weltbilds ging auch ihre transzendent garantierte Stabilität verloren. Damit war der Mensch einerseits genötigt, diese Stabilität selbst herzustellen. Andererseits war er allerdings auch aus den Bindungen einer vorgegebenen Weltordnung freigesetzt. Das ist der Ursprung der neuzeitlichen Idee einer selbstmächtigen Organisierung, Erweiterung und Entgrenzung des menschlichen Handlungsbereichs. Kontingent, so kann man pointiert sagen, sind jetzt nämlich nicht nur die Realien, an denen sich Handeln verwirklicht, kontingent ist jetzt auch die Realität, in der diese Realien stehen. Kontingenz erfasst nach dem Ende des kosmologischen und im Auslaufhorizont des theologischen Weltbilds deshalb nicht nur den Möglichkeitsbegriff, sondern auch den Wirklichkeitsbegriff. Wirklichkeit wird jetzt weder als momentan evidente Realität wie im kosmologischen Weltbild der Antike noch als garantierte Realität wie im theologischen Weltbild des Mittelalters konzipiert – Wirklichkeit ist jetzt vielmehr das Produkt der autonomen Realisierung eines kohärenten, in sich stimmigen Kontextes. Diese konstruktivistische Disposition korrespondiert mit der Entstehung einer Projekte entwerfenden Vernunft, die sich nicht nur in der Umstellung der technischen Konstruktionen von Verbesserungen auf Erfindungen und der ästhetischen Gestaltungen von Nachahmung auf Konstruktion manifestiert, sondern auch in der Umstellung der ökonomischen Unternehmungen von Erweiterungen des Handels auf dessen Entgrenzung und Steigerung der Produktivkräfte durch ihre Entfesselung manifestiert. Damit wird Kontingenz in der Neuzeit nicht nur anders dimensioniert, sondern generiert auch ein Möglichkeitsbewusstsein, das nicht nur graduell, sondern prinzipiell über die bis dahin wirksamen Beschränkungen des menschlichen Denkens und Handelns hinausweist und die Konturen einer Kultur aufscheinen lässt, für die Kontingenz nicht mehr eine beiläufige, sondern eine konstitutive Tatsache ist.
Erst jetzt kann man von einer Kultur der Kontingenz im strikten Sinne sprechen – also von einem eigenqualitativen Selbst- und Weltverhältnis, für das die Wirklichkeit nicht nur partiell, sondern prinzipiell auch anders sein könnte. Das führte im Verlauf der Neuzeit dazu, dass der Wirkungsbereich des Menschen zunehmend erweitert werden konnte und in den entstehenden modernen Gesellschaften Möglichkeiten eröffnete, die vordem nicht nur unerschlossen oder unbekannt, sondern ganz und gar unvorstellbar oder undenkbar gewesen waren. Gleichzeitig wurde die Pluralität konkreter Möglichkeiten, die im finiten Raum von konkreten Akteuren und aktuellen Alternativen verbleibt, durch die Potentialität abstrakter Möglichkeiten erweitert und vor allem politisch unter dem Vorzeichen einer prinzipiell offenen revolutionären Gestaltbarkeit neu bestimmt. Das ist die emphatische Seite des neuzeitlichen Kontingenzbewusstseins. Sie realisiert sich einerseits in der Umstellung des technischen und ästhetischen Denkens und Handelns von Nachahmung auf Konstruktion. Andererseits manifestiert sie sich in jener Veränderung der Zukunftsvorstellung, in der das Kontingenzbewusstsein verzeitlicht und aus dem adventisch-geschlossenen Horizont eschatologischer Teleologien in den futurisch-offenen Horizont fortschrittslogischer Finalisierungen geführt worden ist. Aber die Situation wurde nicht nur als Gewinn menschlicher Freiheit erfahren, sondern von Anfang an auch als akute Orientierungslosigkeit, bodenlose Haltlosigkeit und beängstigende Unsicherheit. Denn der der Bereich, in dem die Dinge auch anders sein können, hatte zwar keine definitive Grenze mehr, aber die Notwendigkeit dieser Grenze wurde weiterhin vorausgesetzt und in ganzheitlichen Entwürfen einer neuen Ordnung der Wirklichkeit und einer neuen Totalität der Erfahrung gesucht. Das ist die andere, die problematische Seite des modernen Kontingenzbewusstseins, die keinen Zweifel daran hatte, dass Kontingenz etwas sei, das am Ende aufgehoben werden müsse. Beide zusammen aber, die offenen Möglichkeitshorizonte und die geschlossenen Wirklichkeitserwartungen, verleihen dem modernen Selbst- und Weltverhältnis erst jene charakteristische Tiefenstruktur, die zwischen konstruktivistischer Wirklichkeitsproduktion und umfassender Sinnlosigkeitserfahrung changiert und die Grundfigur aller melancholischen Dispositionen bildet, die nicht nur die dominierenden ästhetischen, sondern auch die dominierenden theoretischen Tendenzen der Moderne bestimmen.
3. Die Fiktionalisierung des Möglichkeitshorizonts und die Differenz von Utopie und Optimierung
Die Parallelität der technischen und der ästhetischen Umstellung von Nachahmung auf Konstruktion verweist auf ein entscheidendes Moment der Kontingenzkultur, nämlich die essenzielle Bedeutung einer neuen, reflexiven Fiktionalisierung des Möglichkeitshorizonts. Was entworfen und erfunden werden kann, ist nicht mehr kosmologisch oder theologisch, sondern anthropologisch bestimmt, weil es der freigesetzten menschlichen Neugier und Einbildungskraft entspringt. Vielleicht ist diese Fiktionalisierung des Möglichkeitshorizonts am Ende tatsächlich das entscheidende Moment einer Modernität, die sich von Anfang an als Kultur eines ontologisch entbundenen und anthropologisch gebundenen Konstruktionsvermögens verstanden hat, das in einer möglichkeitsoffenen menschlichen Natur begründet ist. Auf jeden Fall aber ist die Fiktionalisierung des Möglichkeitshorizonts ein Vorgang, der sich in zwei verschiedenen Modi realisiert hat, die ihrerseits zwei unterschiedliche Tendenzen politischer, sozialer, ästhetischer und kultureller Modernität grundieren und denen zwei gegensätzliche modalstrukturelle Paradigmen entsprechen, nämlich Utopie und Optimierung. Die Differenz dieser beiden Paradigmen mag auf den ersten Blick zwar ebenso nebensächlich erscheinen wie die kontingenzbegriffliche Unterscheidung zwischen Veränderlichkeit und Veränderbarkeit oder die modaltheoretische Unterscheidung zwischen Pluralitäts- und Potentialitätskontingenz; in Wirklichkeit ist sie aber von struktureller und nicht bloß gradueller Bedeutung, weil sie für die soziale Einbettung der Technisierung ebenso entscheidend ist wie für die Autonomisierung des Ästhetischen und für die verschiedenen Formen, in denen beide politisch instrumentalisiert werden können.
Der Begriff der Utopie ist ein absoluter Begriff. Er impliziert die restlose Aufhebung aller Kontingenz in einem idealen und daher unüberbietbaren Zustand – in einer neuen, ebenso geschlossenen wie konkreten Totalität der Erfahrung und in einer unübersteigbar finalen und deshalb definitiven Ordnung der Wirklichkeit. Der Begriff der Optimierung hingegen ist ein relativer Begriff. Er bezeichnet die situativ extrapolierte, prinzipiell unaufhörliche und irreduzibel zieloffene Überbietung jedes Zustandes in einer abstrakten Erwartung, die jeden scheinbar gegebenen, vor allem aber auch jeden selbstmächtig erreichten Zustand zur Disposition stellt. Man mag darin eine exklusive modalstrukturelle Differenz sehen, weil die Utopie auf die definitive Stillstellung aller Möglichkeiten zielt, während die Optimierung die Konkurrenz einander überbietender Möglichkeiten entfesselt. Optimierung bedeutet schließlich gerade nicht die Aufhebung, Eliminierung oder Reduktion der Kontingenz, sondern ihre Erhaltung, ihre Verstetigung und ihre Kultivierung. Das macht den eminenten Unterschied aus, der gar nicht erst zu analytischer Bedeutung kommt, wenn Utopiebegriff und Optimierungskonzept gegeneinander verschliffen werden. Die realisierte Utopie, so ließe sich der Unterschied auf den Punkt bringen, hebt Kontingenz auf, während die realisierte Optimierung Kontingenz auf Dauer stellt. Optimierung generiert damit ein Dispositiv der prinzipiellen Unabschließbarkeit, während die Utopie eine ideale und deshalb abschließende Ordnung der Wirklichkeit anstrebt. Dass die Utopie dadurch strenggenommen die moderne Option auf eine vormoderne Wirklichkeitsstruktur repräsentiert, weil sie im geschlossenen Horizont kosmologischer oder theologischer Ontologien steht, ist deshalb nicht ihr nebensächlichstes Charakteristikum.
4. Kontingenzaufhebung durch strategische Kontingenznutzung – die klassische Moderne
Die Sinnlosigkeits- und Unsicherheitserfahrung hat nicht nur das philosophische, sondern auch das politische, das soziale und das ästhetische Selbstverständnis der Moderne bis weit ins 20. Jahrhundert an die Rationalität umfassender Ordnungs- und Wirklichkeitserwartungen gebunden und im Gegenzug kontrafaktische Konzepte einer ebenso sinnerfüllten wie definitiven Ordnung der Wirklichkeit plausibilisiert. Der Akzent lag damit fast zwingend auf der Seite umfassender und endgültiger Konstruktionen, die alle bisherigen Konstruktionen übersteigen und die Kontingenz, die scheinbar die ganze Welt erfasst hatte, auf diese Weise aufheben sollten. Wollte man diese Disposition auf eine Formel bringen, die eine operative Strukturformel für die politischen, sozialen, ästhetischen und philosophischen Gestaltungsansprüche der Klassischen Moderne sein könnte, dann wäre diese Formel: definitive Kontingenz-aufhebung durch strategische Kontingenznutzung. Das hat zwar nichts mit dem zu tun, was gemeinhin ebenso pauschal wie ordnungsfixiert als Kontingenzbewältigung bezeichnet wird. Aber in der umfassenden Ordnungs- und Wirklichkeitserwartung, die diese Formel ausdrückt, manifestiert sich dennoch der Totalitätsanspruch einer alles durchherrschenden Vernunft, die den souveränen politischen, sozialtechnischen oder ästhetischen Utopien entspricht, die in der Klassischen Moderne alle Rationalität auf ihrer Seite hatten. Gerade in der Selbstverständlichkeit ihrer Totalitätsansprüche standen diese Utopien im Auslaufhorizont der theologischen Weltauffassung und ihrem säkularen Derivat, der Idee einer souveränen ordnungsstiftenden Autorität – und sei diese so abstrakt wie die neuzeitliche Vernunft.
Wenn Technisierung aber selbst dort, wo sie im Instrumentellen verbleibt, die organisierte Erweiterung der konstruktiven Möglichkeiten des menschlichen Handelns ist, generiert sie nicht nur eine Disposition der Überbietung aller natürlichen Gegebenheiten, sondern auch eine Disposition der Überbietbarkeit aller künstlichen Wirklichkeiten. Es gibt schließlich keine Konstruktion, die nicht durch eine andere Konstruktion ersetzt werden könnte. Die Potentialität wird damit nicht nur sektoriell institutionalisiert, sondern weithin strukturell festgeschrieben. Und genau das hat weitreichende Folgen. Denn eine Kultur der Kontingenz kann unter dieser Voraussetzung paradoxerweise gerade nicht darin bestehen, die Kontingenz in einer neuen definitiven Ordnung der Wirklichkeit aufzuheben, wie es fast die gesamte Klassische Moderne versucht hat, indem sie das Kontingenzbewusstsein in technische, ästhetische und politische Souveränitätsfiktionen überführt hat. Die Begründung einer Kultur der Kontingenz kann unter dieser Voraussetzung nur darin bestehen, Kontingenz in einer neuen, prinzipiell transitorischen und strukturell veränderbaren Ordnung der Wirklichkeit zu integrieren. Das aber erfordert, dass die Zieloffenheit des konstruierenden Handelns durch die Etablierung dauerhafter modalstruktureller Dispositionen institutionalisiert wird, die ihrerseits auf ontologische Fundamente verzichten.
5. Kontingenzbegrenzung durch institutionalisierte Möglichkeitsoffenheit – die konsolidierte Moderne
Dieser Verzicht grundiert die anspruchsvolle Selbstbegründung einer modernen Gesellschaft. Dennoch wird ihre Möglichkeitsoffenheit in erster Linie als Problem gedeutet und – angesichts persistierender sozialer Unsicherheit, grassierender ökonomischer Ungleichheit, dramatischer ökologischer Krisenhaftigkeit und beunruhigender technologischer Unabsehbarkeit – als Pathologie der Gesellschaft zugleich verharmlost und instrumentalisiert. Aber was als Problem gedeutet wird und als Pathologie therapeutische Erwartungen provoziert, ist eine allgemeine modalstrukturelle Disposition, die sich in der Synthese von Technisierungs- und Ästhetisierungsprozessen entfaltet und als institutionalisierte Möglichkeitsoffenheit in ihrer ganzen Ambivalenz von Machbarkeit und Unsicherheit etabliert hat. Ihre systematische Bedingung ist die Fiktionalisierung des Möglichkeitshorizonts, die prinzipiell jeden Zustand nicht nur mit seiner Veränderbarkeit, sondern auch mit seiner Überbietbarkeit konfrontiert. Ihre historische Bedingung ist aber jene immanente Selbstbegründung der Epoche, in der die gesellschaftliche Wirklichkeit zur hegemonialen Wirklichkeit und die soziale Bestimmung des Menschen zu seiner zentralen Bestimmung wird. Hier manifestiert sich das Transitorische, das Zieloffene und das Unendliche als Letzthorizont aller möglichen Ereignisse nicht nur in der Produktivitäts- und Machbarkeitsemphase einer modernen Gesellschaft, sondern auch in der Konstitution ihres genuinen Persönlichkeitstyps, nämlich des positions- und statusoffenen, in mehrdimensionaler Mobilität situierten und auf intransitive Selbstentfaltung durch zieloffene Lebensführung orientierten Individuums.
Dieser Persönlichkeitstyp entspricht einer Gesellschaft, in der sich die Positivität der Kontingenz als generelles Dispositiv der Optimierung etabliert hat – Optimierung nicht nur im konkreten, transitiven Sinne von spezifischen technischen, administrativen oder ökonomischen Verbesserungen der Produktions-, Organisations-, Distributions- und Konsumtionsformen, sondern auch im abstrakten, intransitiven Sinne einer allgemeinen Form der Lebensführung, einer impliziten Logik des Selbstverhältnisses und eines selbstverständlichen Fluchtpunkts der Imagination. Das, was ist, kann schließlich niemals alles gewesen sein, weil es in der Logik dieses Dispositivs immer noch eine weitere Möglichkeit gibt. Indem dieses Dispositiv nicht nur bestimmte Objekte und konkrete Funktionen umfasst, sondern vor allem unbestimmte Selbstverhältnisse und abstrakte Weltverhältnisse grundiert, bildet es die Modalstruktur einer sozialen Moderne, die zwar der konstruktivistischen Tiefenstruktur einer Kontingenzkultur entspricht, aber – anders als in der Klassischen Moderne – eine offene Sozialwelt etabliert, in der die permanente Möglichkeitsoffenheit alle Rationalität auf ihrer Seite hat, in der die Positivität der Kontingenz eine unbezweifelbare metaphysische Gegebenheit ist – und in der die kompetitive Überbietung jedes erreichten Zustands zum unentrinnbaren sozialen Zwang wird. Es ist ein sozialer Zwang, der durch die kommunikative Normalisierung der Möglichkeitsoffenheit und die komparative Evaluierung ihrer lebensweltlichen Verwirklichungen einen Absolutismus des Sozialen hervorbringt, der scheinbar kein Außen mehr kennt. Diese Institutionalisierung der Möglichkeitsoffenheit gibt der Kontingenz eine positive dauerhafte, prinzipiell offene und transitorische Form, anstatt sie, wie im utopischen Paradigma, endgültig aufzuheben. Trotz aller Unsicherheits- und Sinnlosigkeitserfahrungen und trotz der generalisierten Konkurrenz, die zum gesellschaftlichen Organisationsprinzip wird, ist deshalb der Anspruch der Gesellschaft, nach dem Ende der kosmologischen und der theologischen Weltkonzeption die einzige überindividuelle Referenz zu sein, die Konformität sowohl ermöglichen als auch erzwingen kann, vielleicht das eigentliche Problem einer Moderne, die sich – nur scheinbar paradox – in organisierter Unbestimmtheit konstituiert hat.
6. Theorie der Moderne als kritisches Projekt
Der Absolutismus des Sozialen ist keine Pathologie der Kontingenzkultur und seine quasi-transzendentalen Strukturen sind keine Ideologien. Sie sind eher Manifestationen einer erfolgreichen gesellschaftlichen Selbstkonstitution, die ihnen durch Institutionalisierung den Status von unbezweifelbaren Selbstverständlichkeiten verleiht. Gegen diese Selbstverständlichkeiten richtet sich das kritische Potential einer Theorie, die Modernität als Kontingenzkultur begreift. Schließlich sind ihre spezifischen Modalitäten – kompetitive Optimierung, kommunikative Normalisierung und komparative Evaluierung – ebenfalls kontingent und bleiben es auch dann, wenn der soziale Zwang, den sie ausüben, ihnen den Anschein naturwüchsiger Notwendigkeit verleiht. Die Kritik behauptet allerdings nicht, dass die gesellschaftliche Form der organisierten Möglichkeitsoffenheit etwas Kontingentes für notwendig erklärt und sich auf diese Weise gegen ihre eigenen Voraussetzungen wendet. Denn moderne Gesellschaften generieren funktionierende Strukturen, die für ihre eigene Konstitution unverzichtbar sind, obwohl sie kontingent sind, kontingent bleiben und auch als solche reflektiert werden. Kompetitive Optimierung, kommunikative Normalisierung und komparative Evaluierung sind reale und konstitutive Elemente dieser Gesellschaften. Deshalb ist ihre funktionelle Positivität tatsächlich auch dann weitgehend unbezweifelt, wenn ihre negativen Effekte als Pathologien behandelt werden. Aber sie werden in dem Moment zu Gegenständen der Kritik, wenn ihre unbezweifelte funktionelle Positivität zur unbezweifelbaren Selbstverständlichkeit wird und auf diese Weise den Status einer unumstößlichen transhistorischen Wahrheit erlangt.
Wenn Kontingenz eine historisch variable Modalstruktur und Modernität die Kultur ihrer positiven Institutionalisierung ist, dann kann sich die Kritik dieser Kultur und dieser Gesellschaft weder an externen normativen Maßstäben orientieren, noch auf ihre internen Widersprüche beschränken. Sie kann aber auch nicht die Pluralitätskontingenz gegen die Potentialitätskontingenz ausspielen, weil keine intransitive Modalstruktur durch eine transitive Modalstruktur einholbar ist und keine Utopie der Optimierung ein Ende setzen kann – nicht einmal mit Gewalt. Eine Kritik der institutionalisierten Kontingenz muss deshalb an den Plausibilitätsbedingungen ihrer unbezweifelten Gewissheiten ansetzen und die unbezweifelbaren Selbstverständlichkeiten dekonstruieren, die aus diesen Gewissheiten hervorgegangen sind und transzendentale Bedeutung bekommen haben. Kompetitive Optimierung, kommunikative Normalisierung und komparative Evaluierung haben in einer Kontingenzkultur nicht nur alle Rationalität auf ihrer Seite – diese Rationalität hat vielmehr im Absolutismus des Sozialen die Ultra-Bedeutung einer natürlichen Gegebenheit erlangt, die nicht weiter problematisiert wird, weil sie die Möglichkeitsoffenheit erfolgreich organisiert und die Selbstbegründung in der Unbestimmtheit realisiert. Dass sie dadurch allerdings zugleich festlegt, welche Möglichkeiten überhaupt wahrgenommen, artikuliert und realisiert werden können, verweist auf die Kehrseite dieser Rationalität. Die Kritik richtet sich deshalb nicht gegen Modernität als solche, sondern gegen jene Dispositionen der institutionalisierten Möglichkeitsoffenheit, die als normative Evidenzen einer Gesellschaft den Status von Axiomen bekommen haben, die andere Möglichkeiten des Selbst- und Weltverhältnisses strukturell marginalisieren, diskriminieren oder exkludieren. Deshalb geht es darum, keine dieser Selbstverständlichkeiten inkognito passieren und keine dieser Gewissheiten ungeprüft stehen zu lassen. Und deshalb ist die kritische Dimension dieser Theorie der Moderne keine Ablehnung der Kontingenzkultur – auch keine partielle –, sondern ihre produktive Anwendung auf sich selbst.
7. Übersicht
Dafür stehen die Texte, die auf diesen Seiten zusammengeführt sind. »Modernität als ontologischer Ausnahmezustand?« rekonstruiert die Genese der modernen Kontingenzerfahrung aus Walter Benjamins Theorie der Moderne und entfaltet Modernität als Verlust ontologischer Selbstverständlichkeiten sowie als Versuch seiner ästhetischen Verarbeitung im Nachgang zur europäischen Melancholie. »Modernität und Kontingenz« erweitert diese Perspektive zu einer allgemeinen Theorie der Neuzeit und Moderne, in der die Kontingenz zum Grundbegriff eines sozialen und kulturellen Selbstverständnisses wird, das sie in erster Linie als Problem behandelt und dieses entweder durch sozialtechnische Funktionalismen oder durch politische und ästhetische Konstruktivismen zu lösen versucht. »Theorie der Massenkultur« untersucht schließlich die kulturelle Formation, in der die Kontingenz nicht mehr primär problematisiert, sondern durch kommunikative Anschlusszwänge und kompetitive Vergesellschaftungsformen als organisierbare Möglichkeitsoffenheit positiviert wird. Die drei Bücher behandeln also nicht einfach verschiedene Themen, sondern verfolgen dieselbe Grundfrage aus unterschiedlichen Perspektiven und bündeln sie zu einer historisch-systematischen Theorie der Moderne. Diese Grundfrage lautet: Wie ist eine Gesellschaft möglich, die sich unter den Bedingungen ebenso unaufhebbarer wie durchaus wünschbarer Kontingenz konstituiert? Die Aufsätze, Studien und Essays nehmen diese Fragestellung ebenfalls auf. Aber sie sind keine Ergänzungen der Monographien, sondern Ausarbeitungen von Übergängen, Präzisierungen von Nebenlinien und experimentelle Tiefenbohrungen von Aspekten, die in den Büchern nur angedeutet sind. Außerdem diskutieren sie gelegentlich Gegenstände, die keine Antwort auf diese Frage suchen und deshalb nur ganz entfernt im Horizont dieser Theorie der Moderne stehen.
Was den Arbeiten allerdings auch unabhängig von ihrem Ort in diesem Horizont eine innere Kohärenz verleiht, ist die Frage, die vielleicht die einzige Frage ist, die das Denken wirklich lohnt, nämlich die Frage, wie man Distanz zu den impliziten Dispositionen der eigenen Kultur gewinnt. Denn aus der Perspektive einer Geschichte der kulturellen Evidenzen haben sich diese Dispositionen noch jedes Mal als historische und deshalb vergängliche Dispositionen erwiesen.